3. Ziele und Methoden der Forschungen – und eine erste Klärung

 

1. Vita

 

Geboren wurde ich 1942 in Berlin, und aufgewachsen bin ich in Braunschweig. Meine Schulzeit am damals konservativsten altsprachlichen Gymnasium Braunschweigs, dem Wilhelm-Gymnasium, war bestimmt von Auseinandersetzungen mit Lehrern und Pasto-ren, die ihre Normen durchsetzen wollten, ohne Argumente zu nennen. Ich verstand das als Machtmissbrauch.

Nach dem Abitur studierte ich in Tübingen, Braunschweig und zwischendurch in Berlin. Das war 1967, auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung. Durch sie wurde mir die gesellschaftliche und soziale Dimension von Machtmissbrauch bewusst, auch wenn ich sonst vieles an der Studentenbewegung als nicht rational genug erlebte.

Im Rahmen meiner Ausbildung zum Kunstpädagogen erfuhr ich, wie die damaligen Fach-päpste der Ausbildung und der Schulpraxis Konzepte aufzwangen, die nach meiner Über-zeugung die Schüler entmündigten. Dagegen wollte ich etwas tun: Ich analysierte und wi-derlegte die Theorien, die den dominanten Konzepten zugrunde lagen, stellte die Ergeb-nisse auf Tagungen und in pädagogischen Fachzeitschriften vor und fasste sie schließlich in meiner ersten Buchveröffentlichung zusammen: „Kritik der Kunstpädagogik: zur gesell-schaftlichen Funktion eines Schulfachs", DuMont Schauberg, Köln. 1. Auflage 1972,

2. überarbeitete Auflage 1974.

Das Manuskript für das Buch war auch die Grundlage für meine Promotion an der Univer-sität Göttingen im Jahr 1971. Zu der Zeit begann auch meine Arbeit als Hochschullehrer für Visuelle Kommunikation an der Pädagogischen Hochschule Göttingen. Seit 1981 ar-beitete ich als Universitätsprofessor für Kulturwissenschaften an der Universität Göt-tingen und (ab 1994) an der Universität Hildesheim bis zu meiner Pensionierung im No-vember 2007.

 

Im Zusammenhang mit meinen Forschungen gelangte ich zu der Überzeugung, dass Mechanismen des Wissenschaftsbetriebs die Selbstbeschränkung vieler Wissenschaftler auf die tradierten Grenzen ihres Fachs und die unkritische Übernahme etablierter Lehr-meinungen unterstützen, und dass das den Blick für neuere Forschungsergebnisse aus anderen Bereichen und Disziplinen verstellen und so zu fehlerhaften Ergebnissen führen kann. Nicht zuletzt diese Überzeugung (die auch alle meine späteren Veröffentlichungen prägt) führte dazu, dass ich mich im Lauf der Jahre unterschiedlichen Forschungsbe-reichen (z.B. „Modeverhalten – ästhetische Normen und politische Erzie-hung“, Dumont, Köln 1974) und Veröffentlichungsmedien zuwandte: neben Büchern und Artikeln für Fachzeitschriften auch Fotografie ("Ibiza - ein unbekanntes Naturparadies", Einfallsreich, Braunschweig 1991) und vor Allem Dokumentarfilme.

Ein Foto aus der Anfangszeit

Diese Links informieren über meine frühen Buch- und Filmveröffentlichungen:

Literatur von und über Hans Giffhorn im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Hans Giffhorn in der Internet Movie Database

Bücher und Videos von Hans Giffhorn in Worldcat

 

Ab 1993 produzierte ich Beiträge für TV-Magazine zu Umweltproblemen und ca. 20 Dokumentarfilme u. a. für Arte, ZDF und ARD. Die meisten dieser Filme wurden angeregt durch die Zusammenarbeit mit Projekten der GTZ (Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) in Kolumbien, Ecuador, Brasilien und Peru.

Bei den Aguaruna in Ost-Peru – GTZ-Projekt "Alto Mayo"

Die Zusammenarbeit mit der GTZ prägt meine Forschungen bis heute: Durch sie gewann ich Erfahrungen und Einsichten, die normalen Reisenden nicht möglich wären.

Allen GTZ-Projekten, an denen ich als Filmemacher beteiligt war, lag dasselbe Konzept zugrunde.

Stets ging es darum, den indigenen Kleinbauern zu helfen, nachhaltig zu wirtschaften, dabei die natürlichen Lebensräume und die Artenvielfalt zu schützen, die traditionelle Kul-tur ihres Volkes zu nutzen und zu bewahren und sich gegen die Ausbeutung durch weiße Großgrundbesitzer zu behaupten.

So bestand auch ein Ergebnis der Zusam-menarbeit mit der GTZ darin, dass wir (mein im Jahr 2006 leider verstorbener Kamera-mann Jochen Phillip und ich) in abgelege-nen, von der Guerilla kontrollierten Gebieten Kolumbiens drehen konnten. Das war eine schöne und recht erlebnis-reiche Zeit. Vier Mal sind wir dort hingereist – bis ein neuer Guerilla-Kommandant die Arbeit dort auch für die GTZ unmöglich machte.

Über viele Jahre hatte dort die GTZ ein ungewöhnliches Arrangement getroffen: Man ließ sich gegenseitig in Ruhe.

Die Guerilleros waren auf die Unterstützung durch die Kleinbauern angewiesen, und diese wiederum wussten und schätzten, dass die GTZ auf ihrer Seite war.

Das Arrangement funktionierte so: Der Fahrer des Geländewagens der GTZ brachten uns zum geplanten Drehort und informierten zuvor per Funk die Guerilla. Diese informierte wiederum auch per Funk unseren Fahrer, wo sie sich gerade befanden. So konnte der Fahrer den direkten Kontakt vermeiden: Das war sicherer, weil die Guerilleros oft etwas unberechenbar waren. (Deshalb wurden wir auch vor dem Beginn der Dreharbeiten vom GTZ-Projektleiter über das Risiko informiert und mussten unterschreiben, dass wir trotzdem drehen wollten.)

Natürlich wollten wir gern Guerilleros treffen und interviewen. Als wir eines Tages im Auto die Funkmeldung erhielten, dass sie in der Nähe waren, bat ich den Fahrer, dorthin zu fahren. Er lehnte das aber höflich ab, er habe Frau und Kinder.

Doch bei unserer nächsten Reise klappte es mit einem Interview – mit der Hilfe von Aguardiente, dem einheimischen Zuckerrohrschnaps.

Der Guerillero entpuppte sich als ein netter Kerl, aber als er von den Aufnahmeritualen seiner Genossen  berichtete, war es nicht mehr lustig.

 

Im Rahmen eines GTZ-Projektes in Peru gelangten wir auch in die Nähe des Chachapoya-Gebiets.

Zurzeit ist die Forschung zu den Chachapoya mein wichtigstes Projekt, und sie lieferte den Grund dafür, dass diese Website existiert.

 

2. Meine Forschungen zu Ursprüngen der Chachapoya-Kultur

Selbst auf so seriösen Internetseiten wie „Wikipedia“ oder „Universität Rostock“ finden sich Aussagen über meine Forschungen zu den Chachapoya, die falsch sind.

Was es mit meiner Arbeit wirklich auf sich hat, können Sie auf dieser Website erfahren. Dort informiere ich u.a. über meine Motive, den aktuellen Forschungsstand und das Filmprojekt „Europäische Einwanderer im antiken Peru? – eine Detektivgeschichte“.

 

Vorweg eine Information:
Das Projekt ist ungewöhnlich. Ich bin kein Archäologe, sondern interdisziplinär arbeitender Kulturwissenschaftler, der bei diesem Projekt die Forschungsergebnisse vieler Archäo-logen und anderer Fachwissenschaftler aus der Alten und der Neuen Welt zusammen-führt (Liste der Experten: Siehe Giffhorn, „Wurde Amerika in der Antike entdeckt?“ C.H.Beck München, 2. überarbeitete Auflage 2014, S.11f).

 

Hier eine Auswahl der an dem Projekt beteiligten Experten:

Um ein realistisches Verständnis meiner Forschungen zu ermöglichen, muss ich viele Jahre zurückgehen.

 

Schon bei meinen ersten Begegnungen mit Arbeiten von zur Chachapoya-Kultur for-schenden Wissenschaftlern erfuhr ich, dass alle von Archäologen veröffentlichten Theorien zu den Ursprüngen der Chachapoya-Kultur sich gegenseitig ausschlossen und falsch sein mussten (Belege dafür sind zu finden in Giffhorn, „Wurde Amerika in der Antike entdeckt?“ C.H.Beck München 2013 und 2. überarbeitete Auflage 2014, S:50-53, und in Giffhorn 2019/1: „Keltische Einwanderer ...“, https://www.academia.edu/40402185, S.6ff, und in Giffhorn „Celtic immigrants in ancient Peru..“, https://www.academia.edu/39508768, S.7ff.)

Das gilt übrigens immer noch. (Belege sind in meinen Arbeiten von 2019/1, S.7ff und 2019/2, S.8ff.)
Doch keine dieser Theorien hat jemals Ursprünge außerhalb Amerikas in Betracht ge-zogen. Einen zwingenden Grund dafür konnte mir bis heute niemand nennen.
Aber viele Phänomene, die mir schon bei meinen ersten Reisen ins Chachapoya-Gebiet von Einheimischen gezeigt wurden, weisen recht eindeutig auf die antike Alte Welt hin (Belege u.a. in Giffhorn 2013 und 2014, S.16ff).


 

So entstanden erste, noch recht lückenhafte Hypothesen: ein schönes Thema für TV-Dokus (mit beeindruckenden Bildern aus Peru, Brasilien und verschiedenen Regionen Europas).
Doch dank meiner Uni-Forschungsarbeit wusste ich, dass Experten eine andere Basis brauchen, um sich ernsthaft mit Hypothesen auseinanderzusetzen: am besten eine Buchveröffentlichung mit vielen genauen und nachprüfbaren Quellenangaben.

Das war ein Problem. In der mir damals zugänglichen Fachliteratur konnte ich zu dieser komplexen, auch Brasilien und die Alte Welt einschließenden Thematik nur wenig Konkre-tes finden.

 

So konzentrierte ich mich auf weitere nur filmisch dokumen-tierte Recherchen – bis ich im Jahr 2007 genau die Expertin kennenlernte, die mir bis dahin gefehlt hatte: die Freiburger Archäologin Dr. Karin Hornig, spezialisiert auf antike Seefahrt und Kulturbeziehungen, mit einem ungeheuer umfassenden Wissen über die Literatur zu prak-tisch allen antiken Kulturen der Welt.

Zunächst lieferte mir Karin Hornig Massen von Fakten, die eindeutig belegten, dass kei-nesfalls auszuschließen war, dass z.B. Europäer oder Karthager schon in der Antike Süd-amerika erreichen konnten (vgl. dazu Giffhorn 2013 und 2014, S.83-113). 

Auch die Beweiskraft eines Teils der Indizien, die für meine Hypothese sprechen, konnte jetzt systematisch überprüft werden. Das gilt besonders für Ähnlichkeiten zwischen Kul-turmerkmalen der Chachapoya und Völkern der Alten Welt (sogenannte „Kulturparal-lelen“). Viele Kulturparallelen lassen sich mehr oder weniger plausibel auch durch zufälli-ge Parallelentwicklungen erklären. Sie besitzen dann eine entsprechend geringere Beweiskraft.

Doch Karin Hornig entdeckte Dokumente mit Informationen, die manche Entsprechun-gen so detailliert präzisierten, dass sich keine andere Erklärung finden ließ, als dass die Hypothese stimmt (Belege, Details und Beispiele in Giffhorn 2013 und 2014, u.a. auf S.200ff).

Ein Beispiel: die Steinschleuder, die Hauptwaffe der Krieger Mallorcas und der Chacha-poya.

Die Ähnlichkeit der Steinschleudern aus Mallorca und aus einem Museum aus dem Chachapoya-Gebiet ist zwar verblüffend, doch eine meinen Ansprüchen genügende Beweiskraft erhielt dieses Indiz erst dank der Dokumente, die Karin Hornig entdeckt hat: Veröffentlichungen des berühmten US-amerikanischen Archäologen Philip Ains-worth Means aus den 1920er Jahren, des spanisch-indianischen Chronisten Garcilaso de la Vega aus dem Ende des 16. Jh., und des griechischen Geografen Strabon, der vor rund 2000 Jahren Mallorca besucht hatte (dazu Giffhorn, „Wurde Amerika in der Antike ent-deckt?“, 2013 und aktualisiert 2014, S.212ff).

Wir entwickelten auch ein vages Szenario, das zumindest nicht ausschloss, dass Euro-päer in der Antike Nordostperu, das Chachapoya-Gebiet, erreicht haben.

So konnte, nach weiteren Recherche- und Drehreisen nach Brasilien und Peru, die Arbeit an einem Buchmanuskript beginnen. Doch nach wie vor fehlten mir für viele Fragen befriedigende Antworten. 

Ein paar Beispiele:

Ich war stets davon ausgegangen, dass in der Antike nur die Karthager eine realistische Chance besaßen, Südamerika zu erreichen.

Aber was geschah zwischen der Zerstörung Karthagos 146 v.Chr. und den ersten Anzei-chen für das Auftauchen europäischer Einwanderer in Nordostperu vor ca. 2000 Jahren?

Weshalb gab es keine eindeutigen Indizien für Karthager in Nordostperu? Die Ähnlich-keiten zwischen einigen karthagischen Artefakten und Ornamenten und Funden in Peru waren zu vage, um nicht auch als Zufall erklärt werden zu können.

Waren die Karthager wirklich die einzigen, die damals in der Lage waren, den Atlantik zu überqueren?

Außerdem: Konnten die angenommenen Einwanderer tatsächlich ganz Südamerika durchqueren?

Und welche Bedeutung haben DNA-Analysen für die Überprüfung der Hypothese?

Trotz all dieser offenen Fragen riskierte ich es Anfang 2011, das Manuskript einem Verlag vorzuschlagen – aus dem folgenden Grund:

Die Hauptaufgabe jedes Wissenschaftlers besteht darin, dass er zum Erkenntnisgewinn beiträgt. Und wissenschaftliche Forschung ist ein nie abgeschlossener Prozess, in dem es immer wieder Irrtümer und neue Entdeckungen gibt. Wenn das ignoriert wird, wäre das Dogmatismus.

Wenn ein Forscher also etwas herausgefunden hat, was bisher noch in keiner Veröffent-lichung zu finden ist, hat er auch dann, wenn für ihn selber noch Fragen offen sind, die Pflicht, die Wissenschaftliche Gemeinschaft darüber zu informieren. Er sollte also seine bisher vorliegenden Forschungsergebnisse und die Hypothesen, die er daraus abgeleitet hat, veröffentlichen, damit andere Experten die Ergebnisse für ihre eigenen Forschungen nutzen und die Hypothesen überprüfen können.

Der Verlag C.H.Beck/München, einer der größten und renommiertesten (und auch unter Archäologen sehr angesehenen) Verlage Europas sichtete mein Manuskript und sagte schnell zu.

Der Lektor erkannte, dass sich die bereits vorliegenden Theorien der Archäologen so ein-fach und eindeutig widerlegen ließen, und dass schon damals so viele beeindruckende Indizien für Alte-Welt-Wurzeln wesentlicher Teile der Chachapoya-Kultur vorlagen, dass der Verlag und ich meinten: Nur wenn wir die bereits vorliegenden Forschungsergebnisse und die durch sie ausgelösten Spekulationen veröffentlichen, könnten die verbleibenden Rätsel gelöst werden. Die zu den Chachapoya forschenden Fachwissenschaftler würden sicher die Chance, ihre Forschungslücken zu schließen, ergreifen, und man würde so einer der Realität entsprechenden Theorie der Wurzeln der Chachapoya-Kultur näherkommen.

Im Januar 2013 wurde dann die erste Auflage des Buchs „Wurde Amerika in der Antike entdeckt?“  veröffentlicht, erregte eine Menge Aufsehen und wurde viel verkauft.

Und dann kam alles anders als erwartet.

Keiner der zu den Chachapoya forschenden Archäologen reagierte.

Stattdessen diente das Buch dem TV-Sender ZDF-Arte als Vorlage für eine Doku über meine Forschungen. Im April 2014 wurde sie zum ersten Mal gesendet – unter dem Titel „Karthagos vergessene Krieger“ Auch der große US-Sender PBS strahlte eine englisch-sprachige Fassung aus („Carthage´s lost warriors“), und u.a. ZDF-info und der deutsch-sprachige Ableger von History-Channel sendeten viele Wiederholungen.

Das Problem: Ich half zwar mit der Bereitstellung von Senderechten für ein wenig von mir produziertem Material, das den Genetiker Prof. Kayser zeigt, lieferte dem Autor Michael Gregor Informationen für seine Dreharbeiten und steuerte ein Interview bei, hatte aber keine Kontrolle über die Dreharbeiten und die Fertigstellung des Films.

Das ist zwar durchaus üblich bei kommerziellen TV-Produktionen, führte aber dazu, dass der Film mit all den inhaltlichen Fehlern, die das Buch in der ersten Auflage enthielt, ge- sendet wurde. Außerdem wurde – ebenfalls nicht ungewöhnlich – meine Beweisführung nur in z.T. recht verkürzter und dadurch extrem angreifbarer Form vorgestellt. Schließlich lieferten auch manche der im Film zum Thema befragte Experten irreführende Statements.

Das Ergebnis: Viele deutsche Zuschauer kennen nicht das Buch, sondern nur die Doku, und vor Allem in den USA wurde die im Film vorgestellte Argumentation von der Kritik verrissen. Doch dabei wurde die Argumentation nicht dem Autor des Films, sondern mir angelastet. Das ist besonders ärgerlich, weil „Carthage´s lost warriors“ in den USA prak-tisch die einzige Informationsquelle über mich darstellt.

Auch solche Erfahrungen veranlassten mich, mit meinem Film-Material unabhängig von finanziellen und zeitlichen Einschränkungen ein eigenes, neues und authentisches Film-projekt zu beginnen – dazu das Kapitel zum Filmprojekt „Los Chachapoyas - Europäische Einwanderer im antiken Peru? Eine Detektivgeschichte und die Dokumentation der Ermittlungen“.

Doch die Reaktionen auf die erste Auflage des Buchs und auf die ZDF-Arte-Doku bedeu-teten nicht das Ende meiner Forschungen zu den Ursprüngen der Chachapoya-Kultur.

Die offenen Fragen ließen mir keine Ruhe, und da die Standartfachliteratur nicht die für eine Klärung notwendigen Detailinformationen lieferte, beschloss ich, „vor Ort“ weiter zu forschen.

Gleich nach dem Erscheinen der ersten Auflage des Buchs hatte ich aufgrund der geo-grafischen und historischen Bedingungen nach dem Ausschlussverfahren geprüft, wel-che Regionen als Startpunkt der angenommenen Auswanderung in Frage kamen (am ausführlichsten dargestellt in Giffhorn 2019/1: „Keltische Einwanderer ...“, https://www.academia.edu/40402185, S.17ff, und in Giffhorn 2019/2: „Celtic immigrants in ancient Peru..“, https://www.academia.edu/39508768, S.19ff.):

Das waren vor allem Mallorca und das nordwestspanische Galicien.

Dort reiste ich hin und fragte in den jeweils größten archäologischen Museen nach geeig-neten Experten. Empfohlen wurden mir die in der unteren Zeile des Blocks mit Experten-fotos am Anfang dieses Kapitels vorgestellten Archäologen.

Deren Aussagen waren eindeutig: Karthager kamen keinesfalls als Teilnehmer der Expe-dition in Frage, und die Informationen galicischer Archäologen, bes. von Prof. Camaño, Uni Santiago de Compostela, sowie von der Archäologin Dr. Karin Hornig zeigten, dass nicht auszuschließen war, dass auch Galicier in der Antike Südamerika erreichten.

Ab März 2014 standen diese Informationen allen zur Verfügung: in der überarbeiteten und korrigierten 2. Auflage des Buchs aus dem Beck-Verlag – zusammen mit vielen anderen neuen Informationen.

Das ist u.a. auf den Seiten 146ff der zweiten Auflage sowie in meinen neueren Veröffent-lichungen nachzu-lesen.

Doch all das ist bisher kaum bekannt. Offenbar dominierten die Fehler in der ersten Aufla-ge des Buchs und besonders im Film „Karthagos vergessene Krieger“ die Wahrnehmung meiner Arbeit so sehr, dass einige Laien in Deutschland und den USA ermutigt wurden, sich diverse ideologische Motive meiner Forschungen auszudenken und ihre Unterstel-lungen im Internet zu veröffentlichen.

Informationen über Ziele und Methoden meiner Forschungen zu Ursprüngen der Chacha-poya-Kultur werden Klarheit schaffen.

 
 

3. Ziele und Methoden der Forschungen – und eine erste Klärung

Beginnen wir mit der Frage, was meine Forschungen zu den Chachapoya auslöste.

Ich arbeite, wie gesagt, auch als Dokumentarfilmer. Mich interessieren seltene Kolibris. Und in der Literatur stieß ich auf die Zeichnung eines besonders spektakulären Kolibris. Fotos und Filmaufnahmen existierten nicht von ihm, und er galt als ausgestorben. Das letzte Mal habe man ihn in den 1950er Jahren in einer kleinen, schwer erreichbaren Region im Quellgebiet des Amazonas in den Anden Nordostperus gesehen.

Das war eine Herausforderung, der ich nicht widerstehen konnte. So reiste ich im März 1998 mit meinem Kameramann nach Nord-ostperu.

Von den Chachapoya hatte ich damals noch nie etwas gehört, und Theorien über antike Atlantik-überquerungen interessierten mich nicht.

Das Gebiet entpuppte sich als wild und unwegsam. Allein hätte ich hier keine Chance, einen winzigen, seltenen Vogel zu ent-decken.
Auf der Suche nach Einheimi-schen, die wissen könnten, wo der Kolibri zu finden ist, traf ich auf den peruanischen, aus Deutsch-land stammenden Ethnologen Dr. Peter Lerche. Er meinte, er könne mir helfen.

Aus Dankbarkeit tat ich so, als würde mich auch Peter Lerches große Leidenschaft, der er sein Leben widmete, interessieren: die Chachapoya-Kultur.

Besonders stolz waren Peter und Sonia auf eine Entdeckung, die wenige Wochen zuvor stattgefunden hatte: mitten im Bergurwald eine Grabstätte mit einer großen Zahl hervor-ragend erhaltener Chachapoya-Mumien.

Peter machte mich auch mit Perus bedeutendster Mumienexpertin bekannt, Dr. Sonia Guillén. Mit Peters Hilfe fand ich den Kolibri und konnte ihn filmen.

Die Aufschrift auf dem Karton: Cristal, das einheimische Bier. Darin: ein vor 600 Jahren ge-storbenes Chachapoya-Baby. „Das ist mein kleiner Liebling“ – so kommentierte die ein-heimische Dame, die für die Aufbewahrung der Mumien zuständig war, den Inhalt des Bierkartons.

​Eine so jungfräuliche Forschung: Das machte mich doch ein wenig neugierig auf das, was es hier zu entdecken gab und was über die Chachapoya-Kultur bekannt war.

 

In den Urwäldern stießen wir immer wieder auf Relikte der Chachapoya. Ihre Kultur ist weit älter als die der Inka und überlebte bis zur Ankunft der spanischen Konquistadoren. Doch die von den Spaniern eingeführten Krankheiten rafften die Chachapoya dahin.

 

Das war eine der Informationen von Peter und Sonia. Sie versorgten mich auch mit etwas Fachliteratur, und sie erzählten mir, dass Archäologen über die Ursprünge der Chacha-poya-Kultur diskutierten. Das hatte aber bisher nicht zu einem gemeinsamen Ergebnis geführt, sondern dazu, dass sie heillos zerstritten waren.

Aber Peter Lerche war es auch wichtig, dass ich die vielfältigen Zeugnisse der Chacha-poya-Kultur kennenlerne: keine leichte Aufgabe. Das Chachapoya-Gebiet ist groß und unwegsam. Wir verbrachten mehrere Wochen mit den Touren, brachen vor Sonnenauf-gang auf und kehrten oft erst spät in der Nacht zurück.

Nicht selten blieb Peters Auto auch in irgendeinem Schlammloch stecken und konnte erst mit der Hilfe von Einheimischen wieder flott gemacht werden.

Besonders stolz war Peter auf die Bautradition: die Kombination von archaisch wirkenden kreisrunden steinernen Wohnhäusern und gewaltigen, kunstvoll gearbeiteten Mauern. Diese Bautradition hatte stets alle Besucher irritiert und beeindruckt. Nirgendwo in Am-erika – so erfuhr ich – fand man etwas Ähnliches  (Belege in Giffhorn „Wurde Amerika in der Antike entdeckt?“ C.H.Beck München, 2013 und 2. überarbeitete Auflage 2014 S.17f).

Auch in der Alten Welt kenne ich kein Beispiel für diese Kombination.

Archäologen wissen, dass in der Antike Menschen viele Jahrhunderte benötigten, um eine solche Tradition zu entwickeln. Doch überzeugende Vorformen konnte – trotz jahrzehnte-langer Suche im Chachapoya-Gebiet – niemand präsentieren.

So geht die überwältigende Mehrheit der Forscher davon aus, dass diese Tradition an einem anderen Ort entstanden sein muss und dass Vorfahren der Chachapoya irgend-wann hier eingewandert sind.

Von Peter Lerche und Sonia Guillén erfuhr ich von der damals stattfindenden Diskussion zum Ursprung der Chachapoya-Kultur (vgl. auch Giffhorn, „Wurde Amerika in der Antike entdeckt?“ C.H.Beck München, 2. überarbeitete Auflage 2014, S 9ff).

Irgendwann tauchte diese Bautradition plötzlich in Nordostperu im Quellgebiet des Ama-zonas auf – „wie aus dem nichts“, wie das Peter Lerche formulierte (dazu und zu den folgenden Informationen in diesem Kapitel finden sich, wenn nicht anders angegeben, auch Belege in Giffhorn 2013, und, aktualisiert, in Giffhorn 2014, S.50-53, sowie weitere Details und Belege auch in den PDF-Dateien Giffhorn 2019/1: „Keltische Einwanderer ...“, https://www.academia.edu/40402185 und „Celtic Immigrants in Ancient Peru?...“ Giffhorn 2019/2, https://www.academia.edu/39508768).

 

Schriftliche Zeugnisse oder eindeutige Artefakte, die die Herkunft der Chachapoya klären könnten, liegen nicht vor.

1998 diskutierten die Archäologen nur noch drei Positionen:

Eine Fraktion behauptete, dass der Ursprung der Chachapoya im Amazonasgebiet einige 100 km östlich liege, die zweite Fraktion meinte, die Chachapoya-Kultur habe sich vor Ort von allein entwickelt, und die dritte sah ihren Ursprung in den peruanischen Hochanden im Westen. Die jeweiligen Autoren stützten sich auf unbelegte Behauptungen und teilwei-se auf kaum beweiskräftige Kulturparallelen, und jede Position wurde von den jeweiligen Gegnern zwingend widerlegt.

 

Der unter Archäologen international renommierteste Chachapoya-Experte, der US-Ar-chäologe Prof. Warren Church, wies bereits 1996 in seiner Doktorarbeit detailliert nach, dass zwar seit vielen Jahrzehnten überall in Amerika nach überzeugenden Vorläuferkul-turen für die Chachapoya-Bautradition gesucht wurde, dass diese Suche aber stets ver-geblich blieb (vgl. Giffhorn 2014, S. 51 und Warren Church “Prehistoric cultural development and interregional Interaction in the Tropical Montane Forests of Peru”, Dis-sertation Yale 1996, S.61-128). Auch in neueren Untersuchungen – u.a. 2017 und 2018 – kommt Church zu dem Ergebnis, dass sich an dieser Situation nichts geändert hat (Bele-ge in Giffhorn 2019/1 und 2016/2).

Doch die einzig verbleibende Alternative, dass nämlich die Chachapoya-Bautradition außerhalb Amerikas entstand, wurde von den Archäologen konsequent ausgeschlossen.

 

Die für die Koordination der Forschungen zuständige Archäologin Rocío Paz Sotero vom Nationalen Kulturinstitut (Instituto Nacional de la Cultura – INC) in der Stadt Chachapoyas stellte zur Frage nach der Herkunft der Chachapoya fest: „Wir wissen es nicht.“ (vgl. Giff-horn 2013 und 2014, S 22).

 

So befindet sich seit inzwischen mehr als zwei Jahrzehnten die Diskussion der Archäo-logen um die Frage nach den Ursprüngen der Chachapoya-Kultur immer noch in exakt derselben Sackgasse (daran hat sich bis heute nichts geändert – siehe die im vorange-gangenen Kapitel genannten Belege in den PDF-Dateien Giffhorn 2019/1 und 2019/2).

Besonders erstaunt war ich über die Hilflosigkeit der Archäologen in Bezug auf das be-rühmteste Zeugnis der Chachapoya-Kultur: Kuelap, das gewaltigste Bauwerk des prä-kolumbischen Amerika (Giffhorn 2013 und 2014, S.16).

So machte ich mir Gedanken, ob mir nicht eine Lösung des Problems einfällt. Damit würde ich den netten Kollegen eventuell helfen können, einen Weg aus der Sackgasse zu finden.

Einige Ideen hatte ich schon: Zu der Zeit verbrachte ich viel Zeit auf den Balearen und hat-te mich auch mit der Geschichte der Inseln befasst. Besonders Ibiza war anregend: In der Antike war Ibiza eine karthagische Kolonie.

Kuelap ähnelte der von den Karthagern gebauten Festung Ibizas weit mehr als alles, was an Festungsbauten in Amerika bekannt ist.

Über die Karthager hatte ich viel gelesen: Sie galten als die kühnsten und besten Seefah-rer ihrer Zeit, antike Historiker berichteten von Seereisen der Karthager, die kaum anders als Reisen an tropische Küsten Südamerikas interpretiert werden können, und viele Ge-lehrte der Antike und auch der Neuzeit trauten ihnen zu, dass sie auch Südamerika errei-chen konnten. Außerdem besaßen die Karthager an der westafrikanischen Küste Koloni-en – nur etwa 3000 km von der Küste Nordostbrasiliens entfernt. Winde und Strömungen könnten sie schnell von Westafrika nach Südamerika treiben.

Auch auf die Frage, was die Karthager zu einer solchen Reise veranlassen könnte, lag eine Antwort auf der Hand: Im 2.Jh.v.Chr. befanden sie sich in einem erbitterten Krieg mit den Römern, und im Jahr 146 v.Chr. wurde ihre Heimat zerstört. In der Literatur las ich, dass die wenigen Überlebenden von den Römern versklavt wurden.

Vielleicht gelang einer Gruppe von Karthagern kurz vor oder nach der Zerstörung ihrer Heimat eine Flucht über den Atlantik.

 

Diese erste Hypothese ließ sich präzisieren – mit der Hilfe von Peter Lerche.

Peter war der einzige Wissenschaftler, der ständig im Chachapoya-Gebiet lebte. Schon in den frühen 1980ern hatte er Deutschland verlassen, um sich ganz der Erforschung dieses Volkes zu widmen. Als Ethnologe waren seine Kenntnisse weit breiter als die der meisten Archäologen. Selbstverständlich war er mit dem archäologischen Forschungs-stand vertraut, aber er bezog außerdem Traditionen und Eigenarten der Bevölkerung und Berichte z.B. der Konquistadoren mit ein.

Peter erzählte mir, dass nicht nur die Bautradition Rätsel aufgab.

So berichteten z.B. spanische Chronisten, die im 16. Jahrhundert in die Region gelang-ten, von ungewöhnlichen, nämlich blonden und europäisch aussehenden Chachapoya. Peter Lerche informierte mich auch über eine Besonderheit des Gebiets: In abgelegenen alten Chachapoya-Dörfern trifft man immer wieder auf rothaarige und blonde Einheimi-sche – und niemand der Menschen aus den Dörfern noch sonst jemand weiß eine Erklä-rung dafür.

Auch spezielle, auffällige Kulturmerkmale der Chachapoya – z.B. Trophäenkopfkult, steinerne Rundbauten und Naturreligionen – erinnerten Peter sehr an das, was er in sei-nem Studium über die Kelten gelernt hatte.

Und für die Hauptwaffe der Chachapoya-Krieger, die Steinschleuder, konnte ebenfalls keiner der örtlichen Experten eine Erklärung anbieten.

 

Doch all diese Phänomene ließen sich mit meiner Hypothese in Einklang bringen: Wenn Karthager in einem fremden Kontinent eine neue Heimat gründen wollten, brauchten sie Verstärkung. Da bot es sich an, dass sie auf ihre Söldner, mit denen sie in Spanien ihre letzten Schlachten gegen die Römer geschlagen hatten, zurückgreifen.

Das waren vor Allem spanische Kelten und Männer aus Mallorca. Sie galten als die be-rühmtesten Steinschleuderer der Antike . Und auch sie waren stets erbitterte Feinde der militärisch überlegenen Römer.

 

Diese erste Hypothese war noch sehr vorläufig. Sie ließ manche Fragen offen, und eine detaillierte Überprüfung der Beweiskraft der Indizien hatte noch nicht stattgefunden.

Aber zumindest war die Hypothese weitaus plausibler als alles, was die zu den Chacha-poya forschenden Archäologen an Erklärungen für das plötzliche Auftreten der Bautradition anbieten.

 

Durch reinen Zufall war ich auf die Chachapoya-Kultur gestoßen, und es ist mir nach wie vor eigentlich egal, wer wann in Nordostperu auftauchte.

Der Grund dafür, dass ich mit den Forschungen zum Thema begann, war zunächst nur der Wunsch, mich bei den Kollegen für ihre Hilfe bei der Suche nach dem Kolibri zu re-vanchieren.

Falls es Sie interessiert was bei der Suche nach dem Kolibri herausgekommen ist: Gehen Sie bitte auf die START-Seite und klicken Sie unter „Gliederung“ die Überschrift „12. Ein weiteres Hobby: schöne und seltene Kolibris“ an.

 

Im Lauf der Jahre wuchs aber auch meine Neugier – eine Berufskrankheit von Wissen-schaftlern. Ich wollte wissen, ob etwas an der Hypothese dran ist oder ob irgendwo ein schlagendes Gegenargument wartet.

Der erste Teil der folgenden Filmpassage liefert Eindrücke von meinen ersten Erlebnissen im Chachapoya-Gebiet. Im zweiten Teil werden von der Archäologin Dr. Karin Hornig ent-deckte Indizien vorgestellt, die ein weiters Rätsel erklären könnten: Warum verharren die in Peru forschenden Archäologen lieber in ihrer Ratlosigkeit in Bezug auf die Ursprünge der Chachapoya-Kultur, als eine antike Einwanderung aus der Alten Welt in Betracht zu ziehen?

Wie musste ich nun vorgehen?

Schon während meines Studiums hatte mich Wissenschaftstheorie besonders interes-siert (auch ein Hauptfach bei meiner Doktorprüfung an der Uni Göttingen), und im Jahr 1998 war ich immerhin bereits seit 17 Jahren Universitätsprofessor. So sind einige Prinzi-pien wissenschaftlicher Forschung für mich selbstverständlich.

Zunächst:

Unbedingte Ergebnisoffenheit ist eine Grundvoraussetzung. Wenn ich Forschungen mit einer bestimmten Vorstellung von etwas, was ich „beweisen“ will, beginne, lege ich schon vorher fest, was die Forschungen ergeben sollen und was nicht. Das birgt das Risiko, dass ich Fakten, die nicht „passen“, ignoriere. Solche Forschungen sind nichts wert.

Mir ging es stets nur um Klarheit, nicht darum, wer Recht hat.

Zum Verfahren:

Am Beginn eines Forschungsprojekts steht eine Hypothese, die es zu überprüfen und wei-terzuentwickeln gilt. Die beliebte Frage „Wo bleibt der Beweis?“ beruht auf einem wissen-schaftstheoretischen Missverständnis, weil eine Hypothese grundsätzlich nie endgültig „bewiesen“ werden kann, oder – so schon 1868 der Wissenschaftsphilosoph August Weismann: Es „lässt sich eine wissenschaftliche Hypothese ... niemals erweisen.“ Der US-Archäologe Warren Church schrieb mir in unserer Korrespondenz: „Viele Leute glauben, dass Wissenschaftler einfach Fakten sammeln, bis sie etwas ´beweisen` können. Ich den-ke, wir sind uns einig, dass Wissenschaft nichts beweisen kann.“ (Giffhorn 2014, S.197)

Bedeutet das, dass Wissenschaft niemals Aussagen liefert, auf die wir uns verlassen kön-nen? Keineswegs. August Weismann fährt fort: Es „lässt sich eine wissenschaftliche Hypothese ..., wenn sie falsch ist, widerlegen.“ (Weismann, August „Über die Berechtigung der Darwinschen Theorie, Leipzig 1886, S.14f).

Und Church erläutert: „Wissenschaftstheoretiker kamen zu dem Ergebnis, dass man sich überzeugender der Wahrheit nähern kann, indem man verschiedene Arbeitshypothesen eine nach der anderen widerlegt. Selbstverständlich müssen die Hypothesen mit Hilfe von dokumentierten Fakten, die dazu in Beziehung stehen, widerlegbar sein. Der Grundge-danke ist also, dass wir zu den wahrscheinlichsten Erklärungen von Phänomenen durch ein Ausschlussverfahren gelangen. Wissenschaft kommt voran durch `Widerlegung´. Das bedeutet, die Hypothese, die zum Schluss alle Widerlegungsversuche überstanden hat, gewinnt.“ – und kann als die Hypothese gelten, die sich am „überzeugendsten der Wahr-heit genähert“ hat, die am wahrscheinlichsten ist (vgl. Giffhorn 2014, S.197).

Saubere wissenschaftliche Arbeit (und der fühle ich mich verpflichtet) besteht also darin, Hypothesen durch Widerlegungsversuche zu überprüfen. In meinem Fall entstanden dabei immer umfassender überprüfte und einander ergänzende Indizienketten – bis zum Schluss als Fazit meiner Forschungen blieb: „Der gegenwärtige Stand des Wissens erlaubt keine andere plausible Erklärung, als dass die Hypothese der Realität entspricht.“ (vgl. Giffhorn 2013, S.268). Verlässlichere Ergebnisse sind prinzipiell nicht möglich.

Aber soweit sind wir noch nicht.

Zunächst recherchierte ich, ob vielleicht bereits irgendwo Fakten vorliegen, mit deren Hilfe ich manche der zunächst denkbaren Arbeitshypothesen ausschließen kann.

Die in Peru kursierenden Veröffentlichungen waren unergiebig. Sie enthalten zwar viele Behauptungen, jedoch keine für meine Fragen relevanten überprüfbar dokumentierten Fakten.

Doch in einer anderen frühen Arbeit von Church fand ich solche Fakten: detailliert belegte Berichte über die Ergebnisse seiner von internationalen Experten kontrollierten und den Universitäten Colorado Boulder und der Elite-Uni Yale gesponserten aufwendigen Aus-grabungen, die seiner Masterarbeit (1988) zugrunde lagen (vgl. Church, ”Test Excavation and Ceramic Artifacts from Building No. 1 at Gran Pajatén, Department of San Martín, Peru”, Manuskript in der University of Colorado, Department of Anthropology, 1988 und PDF Giffhorn 2019/1, S.12, 2019/2, S.14).

Diese Arbeit lieferte ein ganz anderes Ergebnis als die in der gängigen Fachliteratur ver-breiteten Behauptungen zum Zeitpunkt des ersten Auftretens der Chachapoya-Bautra-dition.

Auch detailliert und überprüfbar dokumentierte Forschungen anderer angesehener Ar-chäologen, nämlich Dr. Alfredo Narváez und Prof. Inge Schjellerup sowie des Ethnologen Peter Lerche bestätigen das Ergebnis.

Die Bautradition trat, wenn man alle vorliegenden Fakten berücksichtigt, nicht früher als etwa 50 v. Chr. und nicht später als 10 n. Chr. zum ersten Mal in Nordostperu auf (Belege in Giffhorn 2013, aktualisiert 2014, S.73ff).

Schon Jahrhunderte zuvor lebten in diesem Gebiet Indianer. Sie müssen bis dahin in Höh-len oder Blätterhütten gelebt haben: Von ihnen fand man keinerlei Gebäudereste, wie Church 1988 bedauernd feststellte.

 

Warum die auch noch heute veröffentlichten offiziellen Altersangaben zur Chachapoya-Kultur meistens falsch sind, hängt mit Problemen der archäologischen Fachwelt zusam-men – dazu später.

 

Die Datierung von Church und seinen Kollegen zeigte, dass meine erste Hypothese so nicht stimmen kann. Doch das lieferte eine wichtige Basis für weitere Forschungen zur Frage, woher die Bautradition der Chachapoya stammt.

In den nächsten Kapiteln werde ich neue Arbeitshypothesen entwickeln und diese an-hand von neuen Gegenargumenten überprüfen.

4. Gegenargumente: Gab es vor über 2000 Jahren in der Alten Welt Menschen mit Motiv und Gelegenheit für eine

Auswanderung nach Südamerika?

 

Erst im März 2013 erfuhr ich von den Forschungen, die zuverlässig belegten, dass die in Peru verbreiteten Datierungen zur Chachapoya-Kultur nicht stimmten, sondern dass die Chachapoya-Bautradition vor etwa 2000 Jahren plötzlich, ohne Vorläufer und fertig ent-wickelt in Nordost-Peru auftauchte.

Diese Information widerlegte die einst so einleuchtende erste Hypothese, dass im Zusam-menhang mit der Zerstörung ihrer Heimatstadt im Jahr 146 v. Chr. Karthager den Atlantik überquerten, um den Römern zu entkommen.

Und es gibt noch eine weitere Möglichkeit, die Hypothese zu widerlegen: War es über-haupt denkbar, dass es auch noch 150 Jahre nach der Zerstörung Karthagos in der Alten Welt Menschengruppen gab, die sowohl ein hinreichend starkes Motiv besaßen, ihre Hei-mat für immer zu verlassen, als auch eine realistische Möglichkeit, den Atlantik zu über-queren?

 

In den Jahren zuvor hatte ich bereits erfahren, dass die mir 1998 zugängliche Fachlitera-tur den Untergang Karthagos nicht korrekt beschrieben hatte: Karthago wurde nicht voll-ständig zerstört, und manche Karthager hatten überlebt – auch auf der Baleareninsel Ibiza.

In der Antike war Ibiza eine karthagische Kolonie – und zwar auch noch Jahrhunderte nach der Zerstörung Karthagos. Von den Historikern der Insel erfuhr ich Details: Die Römer hatten sich mit den karthagischen Bewohnern der Insel arrangiert. Offiziell gehörte Ibiza dann zwar zum Imperium Romanum, doch gegen die Zahlung eines erträglichen Tributs konnten die Karthager weiter Handel treiben und ihre Kultur pflegen. Sie hatten keinen keinen Grund, ihre schöne Insel zu verlassen.

Aber vielleicht – so spekulierte ich – gab es ja vor gut 2000 Jahren im Mittelmeer noch karthagische Gruppen, die mit ihrer Situation nicht so zufrieden waren.

Mallorca liegt genau zwischen Karthago und der Straße von Gibraltar, dem Tor zum Atlan-tik. Könnte es nicht sein, dass Gruppen unzufriedener Karthager noch Kontakte zu den Nachfahren der ehemaligen Söldner und Bundesgenossen ihrer Vorfahren besaßen, und dass sie beschlossen, mit ihnen gemeinsam die Reise über den Atlantik zu wagen?

In der Literatur fand ich keine Informationen zu dieser Frage, aber ein solches Szenario konnte ich zumindest nicht ganz ausschließen. Doch ich wollte es genau wissen. Im April 2013 ergab sich die Gelegenheit für eine Reise nach Mallorca. In der Verwaltung des Archäologischen Museums von Palma de Mallorca fragte ich, welche Experten sich am besten mit der prärömischen Geschichte der Insel auskennen.

 

Man empfahl mir die Archäologen und Historiker Dr. Toni Puig und Dr. Jordi Hernandez. Treffen könnte ich sie am einfachsten in der megalithischen, zur „Talayot“-Kultur gerech-neten Siedlung Ses Paisses – dort würden sie gerade eine Ausgrabung leiten.

Sie waren tatsächlich über alle Details informiert. So berichteten sie mir von der tiefen Ver-bundenheit der Ureinwohner Mallorcas mit den bis in die Jungsteinzeit zurückreichenden Traditionen ihrer Vorfahren.

​​

 

Im Gespräch fragte ich auch, ob es zwischen Menschen Mallorcas und Karthagern noch im ersten Jh. v.Chr. Kontakte gab. Die Antwort war eindeutig: Der letzte Kontakt fand statt um 200 v.Chr., also über 50 Jahre vor der Zerstörung Karthagos, und man trennte sich als Feinde (Details in Giffhorn 2014, S.138f).

 

Mir fiel noch eine letzte Möglichkeit ein, wie sich ein Szenario einer von karthagischen See-leuten begleiteten Reise über den Atlantik mit den Datierungen zur Chachapoya-Bautra-dition in Einklang bringen lassen könnte. Einer der spanischen Atlantikhäfen befand sich damals eventuell noch nicht vollständig unter römischer Kontrolle: La Coruña an der Nord-westküste Galiciens, schon vor Jahrtausenden und auch noch heute einer der bedeu-tendsten Atlantikhäfen Europas, der in der Antike auch viel von den Karthagern genutzt wurde. Und die Galicier gehörten bei den Kriegen gegen Rom zu den wichtigsten Söldnern der Karthager.

Wie stand es dort im ersten Jh. v. Chr. mit Besuchen von Karthagern?

Auch zu dieser Frage fand ich in meiner Literatur keine Informationen. Aber in La Coruña gibt es ein bedeutendes archäologisches Museum. Ich rief dort an, und man verwies mich an Galiciens führenden Experten für solche Fragen: Prof. Dr. José Camaño von der Univer-sität in Santiago de Compostela, der Hauptstadt Galiciens.

Von ihm und seinen Kollegen erfuhr ich, dass man seit der Zerstörung Karthagos keinen Karthager mehr in Galicien gesehen habe (Details in Giffhorn 2014, S.146f). Das war das endgültige Aus für die Karthager-Hypothese.

Gibt es irgendein anderes Volk mit einem direkten oder indirekten Zugang zu Atlantikhäfen, das vor 2000 Jahren ein hinreichend starkes Motiv für eine Reise ohne Wie-derkehr besitzen könnte?

Um das herauszufinden, mussten unsere Ermittlungen bei Null anfangen – und dafür bie-tet sich wieder das Ausschlussverfahren an: Man erklärt zunächst unvoreingenommen alle Möglichkeiten zu Arbeitshypothesen, versucht sie zu widerlegen und schließt dann so eine Arbeitshypothese nach der anderen aus.

Damit begann ein mühsamer Prozess, der an die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen erinnerte – dargestellt in Giffhorn 2014, S.132-139.

Die ersten Ergebnisse haben mich selbst überrascht. Genau die drei Regionen, auf die schon 1998 meine ersten oberflächlichen Recherchen hingewiesen hatten, waren die einzigen, die das harte Ausschlussverfahren überstanden hatten: Mallorca, der Keltibe-rische Kulturbereich im Nordosten Spaniens und Galicien.

Wenn zwei unterschiedliche und voneinander unabhängige Fragestellungen zu derselben Hypothese führen, gilt das – so die Wissenschaftstheorie – als starkes Argument dafür, dass die Hypothese stimmt.

Es gab aber noch Fragen, bei denen ich mir nicht ganz sicher war und die ich vor Ort überprüfen wollte. Deshalb reiste ich im Mai 2014 nach Galicien und in den Keltiberischen Kulturbereich in Nordostspanien.

Als besonders hilfreich erwies sich dort ein anderer galicischer Archäologe, den mir Prof. Camaño empfohlen hatte: Felipe Arias, Direktor des Museo do Castro de Viladonga an der Nordküste Galiciens.

Felipe Arias verdanke ich wesentliche Detailinformationen z.B. zur Frage nach dem Motiv der schon früh besiegten Keltiberer (noch vor 2000 Jahren war bei ihnen das Motiv wirk-sam).

Felipe erläuterte auch die Motivation der Galicier, bei der – wie bei den Männern Mallorcas und Menorcas – Kriegerehre und die Verbundenheit mit den bis in die Jungsteinzeit zu-rückreichenden Traditionen der Vorfahren entscheidend waren. Mit „Flucht vor den Rö-mern“, wie ich früher annahm, hatte das nichts zu tun (dazu die DVD Giffhorn „Keltische Krieger im antiken Peru“, Video- und Text-Dokumentation 2016).

 

Doch wo hätte die Reise beginnen können?

Als Ausgangspunkt wären weder Mallorca noch der Keltiberische Kulturbereich in Frage gekommen. Die kleinen Fischer- und Piratenboote der Mallorquiner würden keine weiten Strecken schaffen, und die Keltiberer besaßen noch nicht einmal einen Zugang zum Meer. Bleibt nur Galicien – durchaus erreichbar für Keltiberer und Mallorquiner (vgl. Giffhorn 2014, S.143f).

Die angenommenen Auswanderer wären also auf die Schiffe der Galicier angewiesen.

Doch dazu gab es in ganz Galicien nur eine Quelle: im Museum von La Coruña. Dort zeigte man mir die Rekonstruktion eines antiken galicischen Schiffs.

Seit 1977, als die Rekonstruktion ihren Platz im Museum bezog, prägen diese Bilder die Vorstellungen der Fachwelt von den nautischen Möglichkeiten der Atlantikkelten (so nennt man die Menschen eines antiken Kulturkreises, der sich von Galicien über die Bretagne bis zum Westen der Britischen Inseln erstreckte – vgl. Giffhorn 2014, S,146f). Gerade mal

6 ½ m lang und 2 m breit ist das Gefährt.  Ausgeschlossen, dass sich mit solchen Nuss-schalen eine Expedition über den Atlantik durchführen ließ. Ich richtete mich darauf ein, dass ich den in Peru forschenden Archäologen keine Lösung für das Rätsel der vor 2000 Jahren plötzlich in Peru aufgetauchten Bautradition anbieten kann und meine Zeit wieder den Kolibris widmen konnte.

Zur Sicherheit befragte ich Prof. Camaño zum Thema „galicische Seefahrt“.

Sein Kommentar: „Hier gibt es keine Beschreibung, nichts über Schiffe, wir haben keine Informationen. Man hat zwar mal Modelle gebaut, mit Lederhäuten überzogen aus Wei-denruten und Holzbrettern und all so was. Und eines wurde im Hafen von La Coruña vorm Museum San Anton ausprobiert. 100 m oder so hat es geschafft. Informationen über die Seefahrt haben wir nicht.“

Archäologische Funde erlauben jedoch Rückschlüsse: Bronzeäxte, die wichtigsten Ex-portartikel galicischer Kelten, fand man häufig in Irland und der Bretagne, doch – so Prof. Camaño – nirgendwo sonst an der spanischen und französischen Küste.

D.h.: die Galicier segelten über das offene Meer, quer über eine der stürmischsten Regio-nen des Atlantiks, die wilde Biskaya, direkt zur Bretagne.

Aber mit welchen Schiffen?

Irgendwann bot sich eine überraschende Lösung an – dank eines Augenzeugenberich-tes: „De Bello Gallico“ von Gaius Julius Caesar.

Und dann ging alles Schlag auf Schlag. In dem folgenden kleinen Film wird das gezeigt.

 

Doch zunächst erklärt der Film, warum die Datierung der Bautradition von Church und seinen Kollegen bis heute in der offiziellen Fachliteratur nicht berücksichtigt wird.

Danach sehen Sie einige Szenen aus unseren Recherchen zur Frage nach Motiv und Ge-legenheit.  Dabei wird auch geklärt, warum die Galicier den „Atlantikkelten“ zuzurechnen sind und weshalb sie vor 2000 Jahren nicht nur ein hinreichend starkes Motiv besaßen, die Heimat zu verlassen, sondern auch, warum es plausibel sein könnte,

- dass die Galicier mit ihren Schiffen in der Lage waren, den Atlantik zu überqueren,

- dass sie damals den Weg über Westafrika nach Südamerika wählten,

- dass sie in Nordostbrasilien landeten,

- und dass über das Unternehmen keine Berichte überliefert sind.

Wer es genau wissen will: Weitere Belege, Details und Quellennachweise sind nachzule-sen in Giffhorn 2014, S.143-148.

Aber wie könnte die Reise nach Südamerika verlaufen sein?

Davon ließ sich ein recht konkretes Bild entwickeln. Dank der umfassenden Forschungen der Archäologin und Expertin für antike Seefahrt Dr. Karin Hornig erfuhr ich von zwei Quel-len: den Bordbüchern der ersten Seefahrer der Neuzeit, die Amerika erreichten, und dem im Jahr 55 v. Chr. veröffentlichten detaillierten Bericht des antiken Historikers Diodor über eine Reise, in der es Karthager von Westafrika aus an eine üppige tropische Küste weit im Westen des Atlantiks verschlagen hat (Giffhorn 2014, S.93-113).

Im Jahr 1500 wurde Pedro Cabral, der Entdecker Brasiliens, von Winden und Strömungen in ein ihm unbekanntes Gebiet verschlagen: in die nur gut 3000 km von der Alten Welt ent-fernten Region um die heutige Hafenstadt Recife in Nordostbrasilien.

So ähnlich könnte auch 1500 Jahre früher die Reise der angenommenen Einwanderer verlaufen sein.

 

5. Weitere Gegenargumente: War es denkbar, dass die angenommenen Einwanderer das Chachapoya-Gebiet erreichten?

Nehmen wir einmal an, die Einwanderer unserer Hypothese hätten tatsächlich die Alte Welt verlassen, den Atlantik mit Wind und Strömungen im Rücken über-quert und Südamerika erreicht.

Vielleicht hätte sie der Zufall – so wie später den Entdecker Cabral – in den äußersten Nordosten Brasiliens verschlagen.

Ein Blick auf eine Karte (wie die am Schluss vom vorangegangenen Kapitel) zeigt: Wenn die Hypothese stimmen sollte, gibt es kaum eine andere Möglichkeit, als dass die angenommenen Einwanderer den gesamten Amazonas flussaufwärts gereist sind. Doch als mir das zum ersten Mal klar wurde, (das war bei meiner er-sten Reise nach Nordostperu im Jahr 1998), kam mir diese Vorstellung insgesamt absurd vor – aber warum genau?

Damit begann die Suche nach Argumenten, die die Idee einer antiken Reise vom Atlantik nach Nordostperu – und damit die gesamte Hypothese – widerlegen könnten.

 

Das erste Argument:

Warum blieben die Einwanderer der Hypothese nicht einfach in der Nähe ihres Landeplatzes an der Küste? Der Kontinent war ihnen völlig unbekannt. Von Re-cife zur Amazonasmündung hätten sie rund 200 km reisen müssen, von São Paulo sogar 3000 km. Weshalb sollten Einwanderer dann ausgerechnet an die Amazonasmündung gelangt sein?

 

Ob eine solche Idee plausibel sein könnte, lässt sich mit Hilfe der Szenariotech-nik überprüfen. Wenn sich unter Berücksichtigung aller bekannten historischen und geografischen Fakten kein plausibles Szenario entwickeln lässt, kann die Idee als „widerlegt“ gelten.

Meine diversen Gesprächs- und Forschungspartner und ich machten uns an die Arbeit.

Der Literatur konnten wir lediglich die Vermutung entnehmen, dass Winde und Strömungen von Recife aus Schiffe entlang der Küste nach Nordosten treiben würden, und dass die Suche nach Flussmündungen, die zu geeigneten  Sied-lungsplätzen führen könnten, nahelag.

Dieses Ergebnis war zu lückenhaft, um uns zufriedenzustellen.  

Erst im Jahr 2005 ergab sich eine Gelegenheit, das Szenario vor Ort, an der Ost-küste Brasiliens, anhand konkreterer Fakten und mit Hilfe von örtlichen Experten zu überprüfen.

Mein erster Anlaufpunkt war die größte und beste Universität Brasiliens, die Uni von São Paulo.

Das Zentralgebäude der Universität. Ihre Institute bilden eine ganze Stadt.

An der Uni traf ich auf den Archäologen Prof. Dr. Eduardo Neves, der führende Spezialist für antike Amazonaskulturen.

Eduardo informierte mich über die Situation Amazoniens vor 2000 Jahren, versorgte mich mit Fachliteratur und vermittelte mich an eine für die weiteren Recherchen an der brasilianischen Atlantikküste geeignete Expertin, die Archäologin Prof. Dr. Ann-Marie Pessis von der Universität von Recife.

Mit Hilfe der unterschiedlichen Informationen gelang es, ein detailliertes Szenario zu ent-wickeln, das durchaus plausibel erscheinen lässt, dass die angenommenen Einwanderer auf der Suche nach einem geeignetem Siedlungsplatz vor gut 2000 Jahren in der Ama-zonasmündung landeten.

Wir stießen sogar auf überraschend klare, wenn auch nur begrenzt beweiskräftige Indi-zien dafür, dass sich damals Menschen aus dem antiken Spanien für begrenzte Zeiträu-me an mehreren Orten der brasilianischen Atlantikküste aufhielten, insbesondere im Mündungsdelta des Amazonas  (Details, Belege und Quellennachweise in Giffhorn 2014, S.153-167 sowie S.170-174).

Doch daraus entstand ein neues Gegenargument: Es sei kaum vorstellbar, dass in der An-tike europäische Einwanderer im für sie völlig fremdartigen Amazonasgebiet überleben würden. Wie konnten sie sich ernähren? Außerdem waren damals viele Indianer Kanniba-len. Wurden die Einwanderer nicht bald nach der Ankunft erschlagen und aufgegessen?

Dieser Kupferstich wurde 1562 vom berühmten Illustrator Theodor de Bry veröffentlicht.

Sind das Schauermärchen, von rassistischen Europäern erfunden?

Nein. Es gibt sogar einen Augenzeugen. Im Jahr 1548 reiste der deutsche Landsknecht Hans Staden mit den ersten Portugiesen in den Regenwald Brasiliens. In ihrem Auftrag kämpfte er gegen die Ureinwohner und geriet in die Gefangenschaft von Indianern. Dort erlebte Staden, wie die Ureinwohner ihre portugiesischen Kriegsgefangenen rituell töte-ten und verspeisten.

Mit viel Glück konnte er nach einigen Monaten entkommen.

Zurück in Deutschland schrieb er das Buch „Warhaftige Historia und beschreibung eyner Landtschafft der Wilden Nacketen Grimmigen Menschfresser-Leuthen in der Newenwelt America gelegen“

Das Buch machte Staden berühmt. Es dient, laut Wikipedia, noch heute als außerordentlich wichtiges Werk für die Brasilien-Forschung. Hans Stadens detaillierte und vielfach bestätigte Berichte gelten als be-sonders zuverlässig. Staden fertig-te auch Holzschnitte an. Im Jahr 1557 wurden sie in seinem Buch veröffentlicht. 5 Jahre später dien-ten sie Theodor de Bry als Vorlage für viele seiner Kupferstiche.

Noch ein häufig vorgebrachter Einwand: Die Amazonasindianer lebten versteckt im Re-genwald in kleinen, isolierten Gruppen, könnten sich nur mit Mühe selber ernähren und reagierten auf Fremde meist scheu, misstrauisch und aggressiv. Dass sie Angehörige eines fremden Volkes mit Nahrung versorgen, sei undenkbar.

Staden berichtete aber auch ganz anderes von den Ureinwohnern Brasiliens: Selbst die wildesten Kannibalen traten Fremden gegenüber freundlich auf, wenn sie nicht bedroht wurden und wenn sich die Chance auf Tauschhandel bot.

Voller Bewunderung beschrieb Staden erstaunliche Methoden äußerst produktiver Land-wirtschaft, die die Ureinwohner entwickelt haben und die heute vergessen sind (vgl. auch Giffhorn 2014, S.167-170).

Von z.T. identischen Erfahrungen mit Amazonasvölkern berichteten auch viele andere Zeitgenossen, so im Jahr 1501 der Entdecker Amerigo Vespucci. Auch Francisco de Ore-llana, der im Jahr 1541 als erster Spanier den gesamten Amazonas befuhr, äußerte sich immer wieder erstaunt über die blühenden Kulturlandschaften, die ertragreiche Landwirt-schaft und die Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft der Indianer am Amazonas (das hielt  sein Chronist Gaspar de Carvajal in einem Buch mehrfach fest). 

 

Lange Zeit wurden diese Berichte als Fantasieprodukte abgetan. Doch seit wenigen Jah-ren sieht die archäologische Forschung das Amazonasgebiet mit anderen Augen. Überall an den eigentlich nährstoffarmen Ufern des Amazonas entdeckte man uralten und meter-dicken, künstlich geschaffenen fruchtbaren Ackerboden, die berühmte „Schwarze Erde“ (Terra preta), sowie Unmengen von Keramikscherben in den Terra-preta-Gebieten. Seitdem gehen die Archäologen davon aus, dass die alten Berichte über die „blühenden Landschaften“ stimmen. Das erfuhr ich vor Allem vom Archäologen Eduardo Neves und aus dem von ihm mitherausgegebene Buch „Unknown Amazon“, British Museum Press, London 2001 (Details und Quellennachweise in Giffhorn 2014, S.169ff).

Erst die Gemetzel der portugiesischen und spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert und die von ihnen eingeschleppten Krankheiten wie Grippe oder Masern, gegen die die India-ner keine Abwehrkräfte besaßen, dezimierten die Bevölkerung und warfen ihre Kultur auf Steinzeitniveau zurück. 

Eduardo machte mich auch auf einen anderen interessanten Ort aufmerksam: die Insel Marajó direkt in der Amazonasmündung. 

 

In der Hafenstadt Belém gegenüber der Insel befindet sich das bedeutendste Zentrum für die Erforschung antiker Amazonaskulturen, das archäologische Forschungslabor des Museum Goeldi .

Hier, für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, werden die archäologischen Schätze der be-rühmten antiken Kultur der Marajó-Indianer streng bewacht, untersucht und restauriert. Ich staunte über die kunstvolle Keramik Amazoniens und über die mächtigen Graburnen, für die die Marajó-Kultur bekannt ist.

Die Leiterin des Labors, die inzwischen leider verstorbene Prof. Dr. Denise Schaan, ver-sorgte mich mit einer Fülle von spannenden Detailinformationen zur Marajó-Kultur.

Diese Kultur gilt als die am höchsten entwickelte antike Kultur Brasiliens. Dort hätten auch – so Denise Schaan – bereits vor 2000 Jahren Einwanderer gastfreundliche Handelspar-tner treffen, sich mit Nahrung versorgen und ihre Schiffe reparieren können.

Doch falls die Hypothese stimmt, wären sie bald weitergereist.

​​

Dass es zuvor auch Europäern und auch ohne moderne Technik möglich war, die gesam-ten 4000 km auf dem Amazonas zu bewältigen, belegt ebenfalls Gaspar de Carvajals Be-richt von Orellanas Flussreise.

Doch diese Reise führte flussabwärts. Die Einwanderer der Hypothese hätten die Strecke vom Atlantik in die Anden flussaufwärts bewältigen müssen: wieder ein Gegenargument, das mir lange Zeit zu schaffen machte.

Ich wusste zwar, dass der Amazonas auf 4000 km gerade mal 40m Höhenunterschied überwindet, was z.B. Gegenströmungen am Ufer wahrscheinlich macht, aber das stellte mich nicht zufrieden (Quellennachweise in Giffhorn 2014, S. 176ff).

Die Lösung verdankte ich wieder einmal Eduardo Neves. Er kennt meine Hypothese. So berichtete ich ihm von dem Problem. Er versprach zu recherchieren. Dann bekam ich eine Mail mit einem Dokument im Anhang. Das Dokument – so sagte mir Eduardo am Telefon – sei „der Beweis“, dass eine solche Reise möglich war.

Im Jahr 1538 – drei Jahre vor dem Beginn der Amazonasexpedition von Francisco de Orellana und drei Jahre, nachdem die spanischen Konquistadoren zum ersten Mal ins Chachapoya-Gebiet vorgedrungen waren – nahm der portugiesische Entdecker Diego Nunes als Begleiter des spanischen Konquistadors Capitan Alonso de Mercadillo an einer der ersten Erkundungsreisen der Spanier in den Osten der Anden teil. Über seine Erleb-nisse informierte er den portugiesischen König João III mit einem Brief.  So wissen wir da-von.

Auf dieser Reise gelangte Nunes auch in das Gebiet der Chachapoya, und er berichtete seinem König Erstaunliches: Die Chachapoya bekamen Besuch von etwa 300 Mitgliedern eines Tupi-Guarani-Stammes von der brasilianischen Atlantikküste.

Sie waren vor brutalen portugiesischen Landbesitzern vom Osten Brasiliens nach Westen bis in die Anden Nordostperus geflüchtet.

Diego Nunes schrieb dem König auch, wie sehr ihn beeindruckte, dass die Indianer die riesige Strecke den ganzen Amazonas flussaufwärts mit ihren schlichten Einbäumen be-wältigt hatten (Belege und Quellennachweise in Giffhorn 2014, S.180ff).

 

Doch im Zusammenhang mit Hypothesen zu antiken Einwanderungen aus der Alten Welt wird ein ganz anderes Argument immer wieder genannt: Wenn Kontakte zwischen den Chachapoya und antiken Kulturen der Alten Welt stattgefunden hätten, müssten doch auch typische Errungenschaften der Alten Welt ihren Weg nach Nordostperu gefunden haben, also die Schrift, das Rad und die Herstellung und Verarbeitung von Eisen. Doch bis heute fand man nichts dergleichen im Chachapoya-Gebiet.

Macht dieses Argument nicht alle Überlegungen in Bezug auf Alte-Welt-Wurzeln der Cha-chapoya gegenstandslos?

 

Schon bei meinen ersten Reisen nach Nordostperu wurde mir klar, dass das Argument dort nicht funktioniert.

 

Das liegt zum einen an den speziellen Eigenschaften der Kulturen, aus denen die Einwan-derer der Hypothese stammen, zum anderen an den besonderen Bedingungen in Nord-ostperu.

Was das konkret bedeutet, habe ich ausführlich dargestellt und belegt in Giffhorn 2014, S.63-67.

Hier nur einige Stichworte: Die angenommenen Einwanderer kamen nicht als Eroberer oder „Kulturbringer“. Sie stammten auch nicht aus Hochkulturen. Sie suchten nur einen Ort, an dem sie weiter entsprechend ihrer uralten archaischen Traditionen leben konnten.

Eine Schriftkultur pflegten sie auch in der alten Heimat nicht, und für Räder gab es nir-gendwo Verwendung. Im zerklüfteten Chachapoya-Gebiet benutzen die Bauern Lasttiere. Niemand besitzt dort Schubkarren oder Wagen (zumindest war das so bei meinen ersten Besuchen in der Region).

Und Spinnräder und Töpferscheiben? Beides war in der antiken Alten Welt bekannt und verbreitet, aber weder die Menschen Mallorcas und Menorcas noch die galicischen Kelten benutzten sie. Sie bevorzugten geschickte Hände und Spindeln.

Abgesehen davon bestand für die angenommenen Einwanderer kein Grund, Keramik herzustellen. Bei ihrer Ankunft vor etwa 2000 Jahren fanden sie die schon Jahrhunderte zuvor entstandene hochwertige Keramiktradition der Indianer vor.

Fazit: Das Fehlen von Rad und Schrift bei den Chachapoya beweist nichts und widerlegt nichts.

Aber Eisen?

Eisengeräte oder -waffen wären – falls sie nicht schon in den ersten Jahren nach der An-kunft in Amerika gegen Nahrungsmittel eingetauscht wurden – in dem ständig feuchten Klima am Amazonas und in Nordostperu nach 2000 Jahren schon längst verrostet und zerfallen.

Selbst wenn irgendein interessantes Metallobjekt z.B. als Grabbeigabe überlebt hätte, würde man in der vergleichsweise gesetzlosen Situation im wilden und unwegsamen Chachapoya-Gebiet offiziell davon nichts erfahren – genauso wenig wie jemals irgend-welche Goldfunde von Archäologen registriert wurden, obwohl ich von Grabräubern und Polizei weiß, dass es viel Gold in Chachapoya-Grabstätten gab.

So wurde auch dieses Argument entkräftet, ebenso wie das Argument,  dass die Reise vom Atlantik bis nach Nordostperu ohne die Techniken der Neuzeit nicht möglich sei.

Das geschah durch den Bericht von Diego Nunes, den mir Eduardo Neves geschickt hat-te: Indianer waren im 16. Jahrhundert vor Portugiesen geflohen und bei den Chachapoya gelandet.

Sind dank dieses Berichts alle Fragen geklärt?

Nein. Seine Aussagekraft ist sehr begrenzt.

 

Die angenommene Reise fand über eineinhalb Jahrtausende früher statt, und die Ein-wanderer der Hypothese waren auch nicht auf der Flucht.

Die Indizien, auf die unsere Recherchen zu Marajó stießen, legten nahe, dass die ange-nommenen Einwanderer vor 2000 Jahren über einen gewissen Zeitraum friedlichen Han-del mit den Marajó-Indianern trieben.

Warum sollten sie sich trotzdem auf die lange und gefährliche Reise flussaufwärts nach Westen begeben?

Dafür ließen sich verschiedene gute Gründe vorstellen (vgl. Giffhorn 2014, S. 175-179). Ein entscheidender Grund könnte darin bestehen, dass die Einwanderer der Hypothese – wohl zum allergrößten Teil Galicier – erkannten, dass das Amazonastiefland auf Dauer kein geeigneter Ort für eine neue Heimat ist, und dass im Gebirge, im Quellgebiet des großen Flusses eine Landschaft zu erwarten ist, die ihrer alten Heimat in den kühlen stei-nigen Bergen Galiciens ähneln könnte.

Aber auch das war mir noch viel zu vage. Das riesige Flusssystem des Amazonas speist sich aus einer Vielzahl von Quellgebieten, die Galiciern gefallen könnten.

Warum landeten die angenommenen Einwanderer nicht z.B. in den Anden Ecuadors oder Boliviens?

Lassen sich irgendwo dokumentierte Fakten finden, die eine Eingrenzung der Hypothese ermöglichen und sie damit leichter widerlegbar und überprüfbar machen?

 

Auch nach meiner Buchveröffentlichung von 2014 hörte ich nicht auf, neugierig zu sein.

In den vorangegangenen Kapiteln bezog ich mich schon mehrfach auf die Forschungen des US-Archäologen Prof. Warren Church. Sie prägten in entscheidenden Punkten mein Bild von der Entstehung der Chachapoya-Kultur und lieferten eine wichtige Grundlage bei der Überprüfung der Hypothese. Das gilt besonders für seine über 800 Seiten starke Doktorarbeit “Prehistoric cultural development and interregional Interaction in the Tropi-cal Montane Forests of Peru”, Dissertation Yale 1996.

Im Jahr 2015 befasste ich mich mal wieder mit diesen Forschungen – und entdeckte ein weiteres interessantes Ergebnis: Anhand umfangreicher Ausgrabungen hatte Church belegt, dass die Chachapoya-Kultur nicht nur Jahrtausende alte Wurzeln besaß, sondern auch, dass sie im Quellgebiet des Amazonas, direkt an der Kreuzung der schon in der An-tike wichtigsten Handelswege zwischen Amazonien und den verschiedenen Andenregio-nen entstand (vgl. DVD „Kelten im antiken Peru“ 2016, Dort PDF „Zusatzmaterialien“ S.48).

 

Erst 2018 wurde ich in der Wissenschaftsplattform Academia.edu auf neue Veröffentli-chungen von Church aufmerksam – ein Grund, seine Arbeiten noch einmal im Zusam-menhang zu analysieren. Und da wurde mir klar, dass Church den letzten fehlenden Bau-stein für ein plausibles Szenario der Reise vom Atlantik nach NO-Peru geliefert hatte.

Mit Hilfe einer Unmenge von Keramikscherben und auch uralten Steinwerkzeugen konnte Church in seiner Doktorarbeit belegen, dass im Lauf einer langen Zeit viele verschiedene Gruppen auch aus z.T. weit entfernten Regionen Amazoniens die Chachapoya-Kultur prägten.

Diese Ergebnisse veröffentlichte Church in einer Zusammenfassung noch einmal zwölf Jahre später: siehe Warren Church & Adriana von Hagen “Chachapoyas: Cultural Deve-lopment at an Andean Cloud Forest Crossroads.” Handbook of South American Archae-ology, New York: Springer, 2008, S. 903–926):

Gewöhnlich interpretiert Church seine Forschungsergebnisse als Beleg dafür, dass alle gängigen Einwanderungstheorien falsch sein müssen: Die Chachapoya-Kultur sei nicht durch Einwanderungen entstanden, sondern habe sich allmählich vor Ort entwickelt.

Doch in unserer Korrespondenz (bereits 2013) differenzierte er diese Aussage: Er schließe bewusst nicht aus, dass Teile der Chachapoya-Kultur auch durch Einwanderer in die Re-gion gebracht wurden, und für seine Hypothese sei es unerheblich, wie weit das Gebiet entfernt sei, aus der diese Einwanderer stammen.

Auch wenn Church wie alle seine Kollegen nicht zu Alte-Welt-Wurzeln forscht, schließen sich unsere Hypothesen also nicht gegenseitig aus.

In seinen Veröffentlichungen stellt Church das zwar anders dar, doch nicht aus wissen-schaftlichen Gründen. Im Kapitel 8, „Reaktionen der Fachwelt: Dogmatismus und Machtverhältnisse im Wissenschaftsbetrieb“ werde ich das belegen.

Die Forschungsergebnisse von Church stehen allerdings im Widerspruch zu allen Theo-rien, die die Kulturmerkmale der Chachapoya auf nur eine einzige Einwanderung zurück-führen.

Für die von uns entwickelte Hypothese gilt das nicht. Mir war schon 1998 klar, dass die Chachapoya-Kultur viele sehr unterschiedliche Wurzeln haben muss.

 

Dass die Mischkultur der Chachapoya nicht nur ein Ergebnis von Handelskontakten war, sondern auch von Einwanderungen, bestätigten spätere genetische Untersuchungen der Bevölkerung des Chachapoya-Gebiets, vor Allem durch Sonia Guillén und Evelyn Gueva-ra, Perus führende Expertinnen zum Thema. Sie stellten eine im präkolumbischen Süda-merika einzigartige genetische Vielfalt fest: das Ergebnis eines langen Zeitraums mit vie-len Zuwanderungen in das Chachapoya-Gebiet, auch aus verschiedenen und weit ent-fernten Gebieten Amazoniens (Belege und Quellennachweise u.a. in Giffhorn 2014, S.243f und Giffhorn PDF 2019/1, S.5f, PDF 2019/2 S.5-8).

 

Jetzt erhebt sich eine ganz andere Frage: Wenn sich unter den von Church und den Ge-netikerinnen festgestellten Einwanderungen auch eine Einwanderung aus Europa befun-den hätte, müsste sich das doch genetisch belegen lassen.

 

Dazu ein kleiner Exkurs:

Wie steht es mit solchen Erhebungen, oder auch z.B. mit DNA-Analysen von Chachapoya-Mumien?

Mir wird hin und wieder vorgehalten, dass DNA-Analysen von Chachapoya-Mumien sämt-liche Ideen zu einer antiken europäischen Einwanderung nach Nordostperu eindeutig wi-derlegt hätten. Doch das ist schlicht nicht wahr.

Dazu die für die Forschung im Chachapoya-Gebiet zuständige Archäologin Rocío Paz Sotero: „Gibt es Analysen der genetischen Information, der DNA von Mumien?“

O-Ton (Übersetzung): „Nein, praktisch nicht.“

 

Wenige Jahre nach der Entdeckung der am Anfang von Kapitel 3 („Ziele und Methoden der Forschungen“) bereits vorgestellten Mumien wurde im Städtchen Leymebamba, ca. zwei Stunden Autofahrt von der Stadt Chachapoyas entfernt, mit finanzieller Hilfe aus Österreich ein hübsches kleines Museum gebaut.

Hier werden die Mumien jetzt fachgerecht aufbewahrt, und es fanden sogar einige DNA-Analysen statt. Aber solche Ergebnisse besitzen keine Beweiskraft für die Überprüfung der Hypothese – aus den folgenden Gründen: Soweit bekannt ist, wurde stets nur die mtDNA, die von Mutter zu Mutter vererbte DNA untersucht (bis vor kurzem war es den pe-ruanischen Forschern auch technisch nicht möglich, aus Mumien die viel kleineren Pro-ben der väterlichen Y-DNA zu extrahieren).

Aus der Geschichte der großen Expeditionen weiß man jedoch, dass an gefährlichen wei-ten Reisen (wie einer antiken Auswanderung aus der Alten Welt) fast ausschließlich Män-ner teilnahmen (so wie bei den ersten Reisen der spanischen Konquistadoren nach Süda-merika). Das bedeutet, die Einwanderer fanden nur indianische Frauen, um Nachkommen zu zeugen. So konnte man lediglich die Nachkommen indianischer Partnerinnen registrie-ren, und deshalb würde man Nachfahren europäischer Einwanderer ausschließlich an-hand ihrer väterlichen Y-DNA-Haplogruppe erkennen können.

Doch selbst wenn auch Y-DNA gewonnen würde, wäre es ein sehr unwahrscheinlicher Zufall, wenn man dabei auf einen Nachfahren eines Einwanderers aus der Alten Welt stoßen würde. Auch dank der Forschungen von Church weiß man, dass solche Einwan-derer wohl nur eine kleine Minderheit innerhalb der Völkergemeinschaft der Chachapoya dargestellt hätten. Man müsste also schon sehr gezielt nach europäisch-stämmigen Mu-mien suchen.

Doch davon, dass das bei Chachapoya-Relikten jemals geschah, ist mir nichts bekannt.

Auch dieser Einwand kann die Hypothese also nicht widerlegen.

 

Zurück zur Frage, worin der letzte fehlende Baustein für ein plausibles Szenario der Reise der angenommenen Einwanderer vom Atlantik nach NO-Peru besteht.

Church hatte herausgefunden, dass die Chachapoya-Kultur sich genau am Kreuzpunkt vieler Handelswege herausgebildet hat, darunter (was die Genetik-Expertinnen bestätig-ten) offenbar auch ein wichtiger Fernhandelsweg nach Amazonien.

Doch wo in Amazonien begann in der Antike dieser Handelsweg?

Diese Frage konnte ich mit Hilfe der Informationen von Prof. Denise Schaan, Belém, und Prof. Eduardo Neves, Uni São Paulo, beantworten: Hunderte von Funden, z.B. Keramik und antike Marajó-Urnen aus fast allen Regionen Amazoniens belegen, dass in der Antike die Insel Marajó im Mündungsdelta des Amazonas an der Atlantikküste der Knoten- und Aus-gangspunkt praktisch aller Fernhandelswege Amazoniens war.

Es kann also vermutet werden, dass ein wichtiger Handelsweg von Marajó aus direkt in die kühlen Anden Nordostperus führte. Die angenommenen Einwanderer, die – so unser Szenario – sich eine Weile auf Marajó aufgehalten haben, könnten also einfach Ratschlä-gen der Einheimischen gefolgt sein, und sie wären tatsächlich in einer Region gelandet, die sich aus verschiedenen Gründen (vgl. Giffhorn 2014, S. 183f) ideal als neue Heimat für galicische Einwanderer erwiesen hätte.

Die Forschungsergebnisse zur angenommenen Reise von der Atlantikküste Brasiliens bis nach Nordostperu werden zusammenfassend auch in den PDF-Dateien Giffhorn 2019/1, S.16 und 2019/2, S.18 vorgestellt.

 

Doch dass eine solche Reise möglich und plausibel war heißt nicht, dass sie tatsächlich stattfand.

Die Rätsel der Chachapoya-Kultur wären erst dann gelöst, wenn Indizien eindeutige Ver- bindungen herstellen zwischen dem Tatort, dem Chachapoya-Gebiet, und den „Verdäch-tigen“, den Menschen mit Motiv und Gelegenheit – also  den Einwanderern der Hypothese: galicische Kelten, Keltiberer und Krieger aus Mallorca und Menorca.

Der folgende Film vermittelt Vorstellungen von der angenommenen Reise – von Recife am Atlantik bis ins Chachapoya-Gebiet – und zeigt einige der Indizien, die evtl. als Beleg für Besucher aus dem antiken Spanien vor 2000 Jahren an der brasilianischen Atlantikküste interpretiert werden können.

Viel Vergnügen mit dem Film.

 

6. Unsere aktuellen Forschungsergebnisse zur Chachapoya-Kultur

 

Die seltsame Geschichte, in die ich im März 1998 hineingeschliddert war, erinnerte mich an Gespräche, die ich als Kind und Jugendlicher mit meinem Vater führte. Er war Jurist, und die Frage, wie ein korrektes Urteil zustande kommt, war oft Gegenstand unserer Überlegungen.

Es ist kein Zufall, dass ich unsere Beschäftigung mit den Chachapoya mal als wissen-schaftliche Forschungen, mal als Ermittlungen oder als Recherchen bezeichne. Die Prin-zipien und Methoden, an denen sich Detektive, Wissenschaftler und Juristen orientieren, sind oft praktisch identisch. Vor Gericht spricht man zwar von „Beweisen“, doch auch meinem Vater war klar, dass dieser Ausdruck nur eine Konvention ist, auf die man sich unter Juristen geeinigt hat, und dass mehr als an Sicherheit grenzende Wahrscheinlich-keit nicht möglich ist.

So ist es legitim, wenn wir bei dem Bild einer Detektivgeschichte oder eines Kriminalfalls bleiben.

Wir haben „Verdächtige“ (die Einwanderer unserer Hypothese).

Die Ermittlungen zu „Motiv und Gelegenheit“ ergaben, dass sie als „Täter“ in Frage kom-men.

Der „Fall“: Das ist die Frage, ob manche kulturelle Traditionen der Chachapoya auf eine Einwanderung aus dem antiken Spanien zurückzuführen sind oder nicht.

Und in diesem Kapitel geht es um das „Urteil“.

 

Worauf kann sich das Urteil stützen?

Für Geständnisse oder Augenzeugenberichte ist es nach 2000 Jahren etwas zu spät, und schriftliche Dokumente sind genauso wenig bekannt wie mündliche Überlieferungen.

So bleiben nur „Spuren“ bzw. Indizien, anhand derer die Verdächtigen entweder überführt werden können oder nicht. Dabei ist es im Prinzip egal, ob es sich dabei um DNA-Spuren, Fingerabdrücke oder Kulturphänomene handelt – auch bei DNA-Spuren und Fingerab-drücken gibt es Irrtums- und Fälschungsmöglichkeiten.  

 

Erste Hinweise auf Spuren, auf Indizien waren in unserem Fall leicht zu entdecken: bei den Chachapoya festgestellte Kulturphänomene, die Ähnlichkeiten mit Kulturphänomenen in der Alten Welt aufweisen.

Aber ob die Ähnlichkeiten als beweiskräftige Indizien akzeptiert werden können, ist eine ganz andere Frage – eine Frage, die sich durch Widerlegungsversuche überprüfen lässt.

Dafür gelten zwei Kriterien.

 

Erstens:

Beweiskräftige Indizien müssen in sich widerspruchsfrei sein, d.h. sie müssen mit allen bekannten Fakten vereinbar sein. Eine einzige Unvereinbarkeit reicht aus, um das Indiz als nicht tauglich für die Beweisführung einzustufen.

In unserem Fall eignen sich unter Anderem Zeitabläufe für die Überprüfung. Die Hypothe-se geht davon aus, dass die Verdächtigen vor rund 2000 Jahren nach Nordostperu ein-gewandert sind und dort in ihrer Heimat entstandene Kulturtraditionen weiter praktiziert haben. Wenn also eine Kulturtradition nachweislich früher oder später als vor rund 2000 Jahren im Chachapoya-Gebiet auftauchte, oder wenn sie zu der Zeit in der angenommenen Heimat in der Alten Welt nicht mehr oder noch nicht praktiziert wurde, besitzt sie keinerlei Beweiskraft für die Hypothese. 

Damit fallen manche als typisch für die Chachapoya-Kultur geltende Phänomene aus – zum Beispiel:

Die Keramiktradition der Chachapoya entstand bereits Jahrhunderte früher als vor 2000 Jahren.

Die Lehm-Sarkophage, die als ein Markenzeichen der Chachapoya-Kultur gelten, oder die typischen Ornamente mancher Chachapoya-Bauten tauchten erst viel später auf.

All diese Traditionen können also nichts mit der angenommenen Einwanderung zu tun haben und besitzen keinerlei Beweiskraft für die Hypothese.

 

Zweitens:

Je plausibler sich die Ähnlichkeit von Kulturphänomenen auch durch andere Hypothesen erklären lässt (z.B. durch eine zufällige Parallelentwicklung aufgrund von Zweckmäßig-keit), desto geringer ist ihre Beweiskraft für unsere Hypothese.

 

Eine Fülle von Fragen musste also zur Überprüfung der Beweiskraft von Kultur-Ent-sprechungen untersucht werden. Die meisten dazu notwendigen Informationen können nur Archäologen liefern. Sie müssten die Entstehung, die Funktion und die Merkmale der jeweiligen Kulturphänomene sowohl in der Alten Welt als auch in der Neuen Welt beur-teilen und dann die Ergebnisse aufeinander beziehen.

Das alles wird zusätzlich zum Problem, weil innerhalb der archäologischen Fachwelt nie systematisch nach solchen Entsprechungen gesucht wurde.

Die Überprüfung der Beweiskraft der Indizien erwies sich als der bei Weitem aufwendig-ste und mühsamste Teil der gesamten Ermittlungen. Viele Detailinformationen konnten wir auch nicht der uns verfügbaren Fachliteratur entnehmen, sondern mussten sie von Spezialisten der jeweiligen Regionen erfragen. Solche Statements haben wir auf Video dokumentiert und veröffentlicht – schließlich handelte es sich um wichtige Zeugenaus-sagen.

Manchmal dauerte es 15 Jahre, bis endlich alle notwendigen Informationen beschafft waren (dazu und zu den Kriterien und Methoden der Überprüfung der Beweiskraft vgl. Giffhorn 2014, S.202-204 und S.195-201). Dabei gerieten wir auch auf Irrwege und in Sackgassen.

Aber zum Schluss ergaben sich aus den Widerlegungsversuchen oft überraschend über-zeugende Lösungen.

An einigen Beispielen liefern die hier vorgestellten kleinen Filme einen Eindruck, auf welche Weise wir die Beweiskraft der Entsprechungen, der Indizien überprüft haben.

Ein Bauer hatte in einer Chachapoya-Grab-stätte diesen seltsamen Schädel gefunden und uns gebracht.15 Jahre später geht es immer noch um denselben Schädel. In der Uni Barcelona spreche ich mit den Anthro-pologen Prof. Daniel Turbon und Prof. Domènec Campillo.

Als wie aufwendig eine solche Überprüfung sich entpuppen kann, zeigen die Recher-chen zu dieser speziellen Form der Trepa-nation (weitere Informationen zu dieser Kul-turtradition im Begleittext zur DVD Giffhorn 2016, S.61-63 sowie in Giffhorn 2014, S.151f, S.204-206).

Bei dem zweiten in diesem Film behandelten Beispiel handelt es sich um die Bestattungs-tradition der Chachapoya (weitere Informationen dazu in Giffhorn 2016, S.58-60 und vor Allem in Giffhorn 2014, S.151f und S.184-187).  

Ein Drittes Beispiel für Entsprechungen zwischen Kulturtraditionen der Chachapoya und der Menschen von den Balearen zeigt der nächste Film. Es geht um die Hauptwaffe bei-der Kulturen, die Steinschleuder, die sie jeweils als Erkennungszeichen gegenüber ande-ren Völkern um den Kopf banden. Das berichtete auch der Chronist Garcilaso (weitere In-formationen in Giffhorn 2016, S. 60-61 sowie in Giffhorn 2014, S.151 und S.210-215).

Das zweite in dem Film gezeigte Beispiel stellt Entsprechungen vor, die auf galicische Kelten verweisen: „Trophäenkopfkult“:

Das Thema „Trophäenkopfkult“ konnte zu der Zeit, als die 2. Auflage meines Buchs Giff-horn 2014 fertiggestellt wurde, noch nicht abschließend geklärt werden. Dazu fehlten noch Informationen, die nur Experten in Galicien liefern konnten.

Im Mai 2014 reiste ich nach Galicien und konnte mit dem Archäologen Felipe Arias ein aufschlussreiches Gespräch führen und auf Video dokumentieren (Details, Belege und Quellennachweise zum Thema „Trophäenkopfkult“ in Giffhorn 2016, S.56-58, und Giffhorn 2014, S.204-210).

 

Die in der folgenden Zusammenstellung gezeigten Entsprechungen besitzen für sich ge-nommen natürlich kaum Beweiskraft. Die konnten sie erst durch die aufwendigen Über-prüfungen gewinnen.

Hier geht es nur darum, einen Eindruck zu vermitteln von der Vielfalt der Bereiche, aus denen die Indizien stammen. 

Allerdings:  Jede weitere Entsprechung aus einem anderen Lebensraum, die sich nur durch die von uns entwickelte Hypothese überzeugend erklären lässt, ist ein starkes und zusätzliches Argument dafür, dass die Hypothese stimmt.  Und wenn so viele so unter-schiedliche Indizien wie in unserem Fall nur für diese Hypothese sprechen, ist viel Fantasie nötig, sich dafür eine andere Erklärung vorzustellen, als dass die Hypothese der Realität entspricht.

Um unsere Hypothese zu widerlegen, müsste man entweder die Beweiskraft sämtlicher hier vorgestellten Indizien widerlegen, oder man müsste eine Hypothese anbieten, die all diese Entsprechungen plausibler erklärt.

Das ist bisher nach meinem Wissen noch niemandem gelungen.

 

Nachdem auch die Ermittlungen zu den Ursprüngen der Chachapoya-Bautradition abge-schlossen waren (vgl. dazu als Ergänzung den Film am Ende dieses Kapitels), konnte ich die Ergebnisse so zusammenfassen: 

Vor etwa 2000 Jahren, mit dem Abschluss der Romanisierung in Spanien, verschwanden in der Alten Welt die im Lauf von Jahrtausenden entstandenen Bauweisen der Keltiberer und der Galicier. Zur selben Zeit tauchten bis in Details identische Bauformen wie aus dem Nichts im Quellgebiet des Amazonas auf – am Ende des Handelswegs, der damals Peru mit dem Atlantik verband.

Für All das können noch heute Tausende von Belegen besichtigt werden.

Auch eine Reihe von weiteren Kulturmerkmalen aus allen Lebensbereichen der Chacha-poya sind in Amerika weitgehend einzigartig. Doch sie zeigen frappierende Ähnlichkeiten mit in der Alten Welt entstandenen und auch dort jeweils einzigartigen Kulturmerkmalen.

Und keine der oft überraschenden Entdeckungen konnte die Hypothese widerlegen. Stattdessen wurden die Indizienketten immer vollständiger.

Jeder Richter würde die Kombination dieser Indizienketten als einen mehr als ausreichen-den „Beweis“ anerkennen, und ich weiß dafür keine andere Erklärung, als dass die Hypo-these der Realität entspricht.

 

Über dieses Ergebnis müssten sich eigentlich alle zu den Chachapoya forschenden Wis-senschaftler freuen. Schließlich bietet die neue Arbeitshypothese einen Weg aus der Sackgasse, in der ihre Forschungen seit Jahrzehnten stecken, und sie erlaubt auch pro-duktive Forschungen zu anderen bisher ungelösten Fragen (zum Verständnis weitere De-tails und Belege in Giffhorn 2014, S.227-229)

 

Nutzen sie diese Chance?

Unter Anderem damit befassen sich die Kapitel 7, 8 und 9.

 

So wie das Thema Trophäenkopfkult konnte auch das entscheidende und besonders rät-selhafte Thema „Bautradition“ noch nicht vollständig in der 2. Auflage des Buchs Giffhorn 2014 vorgestellt werden. Auch dazu fehlten noch Informationen, die nur Experten vor Ort liefern konnten – in Galicien, und in Nordost-Spanien, also im Keltiberischen Kulturbereich.

Dort besuchte ich die Ruine einer keltiberischen Festung und ließ mich vom zuständigen Historiker über Details der Bauweise informieren.

Erst im Mai 2014 war diese Reise möglich, und wie üblich, habe ich die wichtigsten State-ments auf Video dokumentiert (Belege, Details und Quellennachweise zum Thema „Bau-tradition“ in Giffhorn 2016, S.49-56; weitere Details und Quellen: Giffhorn 2014 S.73ff, S.216-226).

 

Eine Auswahl von Szenen der Recherchen zu Kuelap und der Bautradition, dem wohl größten Rätsel der Chachapoya-Kultur sehen Sie in diesem Film:

7. „Weiße und hellhaarige“ Chachapoya?

Der zum Schluss des vorangegangenen Kapitels vorgestellte Film endet mit der Andeu-tung, dass sich unter den Einwanderern unserer Hypothese auch „Nachkommen hell-haariger galicischer Kelten“ befunden haben könnten.

 

In der Diskussion um die Ursprünge der Chachapoya-Kultur finden Hinweise auf „Weiße und hellhaarige“ Chachapoya erstaunlich viel Beachtung. Darüber hatte mich schon im Jahr 1998 bei unserem ersten Treffen der Ethnologe und Chachapoya-Experte Dr. Peter Lerche informiert (vgl. Kapitel 3). Als Beispiel nannte er Berichte von spanischen Chroni-sten des 16. Jahrhunderts sowie seltsame blonde und rothaarige Einheimische, denen man in abgelegenen Chachapoya-Dörfern begegnen kann.

„Gringuitos“ werden sie hier genannt, das bedeutet kleine Gringos, also Menschen mit mittel- und nordeuropäischem Aussehen.

Peter zeigte mir Fotos, die er in einem der Dörfer aufgenommen hatte.

Die Gringuitos gelten hier als eine kuriose Spezialität des Chachapoya-Gebiets. Ich fragte Gringuitos, woher ihr ungewöhnliches Aussehen stammt. Alle berichteten, dass sie das nicht wissen, dass ihre Familien schon immer hier leben würden und dass ihr Aussehen nicht auf europäische Einwanderer der letzten Jahrhunderte zurückzuführen sei.

 

Was bringt die Beschäftigung mit diesem Thema?

Das Ziel unserer Recherchen bestand darin, der Forschung eine verlässliche und hilfrei-che neue Arbeitshypothese zu den Ursprüngen wichtiger Teile der Chachapoya-Kultur zur Verfügung zu stellen. Das Aussehen von Nachfahren der Einwanderer ist dafür ohne Be-deutung.

So wäre durchaus denkbar, dass nach einigen Generationen unter der indigenen Bevöl-kerung genetische Merkmale der Einwanderer nicht mehr erkennbar sind, und dass ledig-lich ihre Kulturtraditionen bei den Chachapoya überlebten.

Doch die Frage nach „weißen und hellhaarigen“ Chachapoya stellt einen amüsanten (und manchmal erschreckenden) Bereich unserer Recherchen vor. Der folgende Film stellt das Thema vor.

Der Film endet mit den Worten; „Wer weiß, vielleicht blickten wir in den Gringuito-Dörfern in die Augen von einem bisher unbekannten, über 2000 Jahre alten Kapitel keltischer und südamerikanischer Geschichte.“

Gringuito-Mädchen in Limabamba und Huancas

Haben die Gringuitos tatsächlich etwas mit unserer Hypothese zu tun?

Die in dem Film vorgestellten Untersuchungen fanden weitgehend bereits in den Jahren 2005-2008 statt. Im letzten Kapitel in der ersten Auflage meines Buchs „Wurde Amerika in der Antike entdeckt?“ wurden alle unsere Untersuchungen zum Thema „Europäische Erb-anlagen bei den Chachapoya“ und deren Ergebnisse ausführlich beschrieben und unter vielen Aspekten analysiert (Giffhorn 2013, ab S. 233, aktualisiert und ergänzt in Giffhorn 2014, auch Giffhorn 2016, S-63-70, PDF 2019/1, S.3-4, 8-10, 14-15 und PDF 2019/2, S.3-4, 10-11, 16-17).

Um es vorweg zu schicken: Ob die Gringuitos tatsächlich von Kelten abstammen, die vor 2000 Jahren in Nordostperu eingewandert sind, ist nach wie vor unklar.

Für den im Buch und im Film vorgestellten Molekulargenetiker Prof. Dr. Manfred Kayser aus Rotterdam ist diese Frage spannend, weil sie in sein Arbeitsgebiet fällt.

Doch mich interessiert eine ganz andere Frage: Wie gehen Chachapoya-Experten mit dem Thema um?

 

Im 2. Kapitel dieser Website hatte ich davon berichtet, dass der TV-Sender Arte und der US-Sender PBS gemeinsam auf der Basis der ersten Auflage meines Buchs einen Film über meine Theorie produziert haben: „Karthagos vergessene Krieger“.

Der Film liefert erste Hinweise, wie eigenartig die archäologische Fachwelt auf die Hinwei-se auf „weiße und hellhaarige Chachapoya“ reagiert. Das wurde im letzten Drittel des Films deutlich. Da griffen die Filmemacher die in dem Buch geschilderten Erlebnisse und Argu-mente zum Thema „europäisches Aussehen der Chachapoya“ auf. Die Idee, dass die Gringuitos von antiken keltischen Einwanderern abstammen könnten, fanden sie offenbar faszinierend. Sie spürten auch hellhaarige Gringuitos in Chachapoya-Dörfern auf und filmten und interviewten sie.

Die Ergebnisse waren dieselben, die ich im hier vorgestellten kleinen Film gezeigt und oben zitiert habe: Alle befragten Gringuitos (bzw. Gringuitas) berichten, dass ihre Familien schon immer in den Dörfern leben, und dass nichts von irgendwelchen europäischen Vorfahren der Neuzeit bekannt sei.

Die Filmemacher stellten u.a. dieses aus meinem Buch (Giffhorn 2013, S.247) entnomme-ne Inkagemälde vor – als Beleg dafür, dass bereits vor der Ankunft der Konquistadoren klare Hinweise auf europäische Erbanlagen bei den Chachapoya zu entdecken waren.

Wie üblich, verlangten die Redaktionen in Deutschland und den USA auch Stellungnah-men eines „neutralen“, international anerkannten Experten. Dafür gewannen die Produ-zenten den schon mehrfach erwähnten US-Archäologen Prof. Warren Church.

Das freute mich, weil ich seine wissenschaftliche Kompetenz sehr schätze.

Aber als ich den Film sah, staunte ich doch über sein Statement zum Thema.

 

Dazu vorweg eine Information: Als im 16. Jahrhundert die spanischen Konquistadoren zum ersten Mal den Chachapoya begegneten, staunten sie darüber, dass viele der Cha-chapoya „weiß“ und teilweise hellhaarig seien.

Die Berichte ihrer Chronisten sind voll davon.

Adriana von Hagen, Fachbuch-Autorin und Mitbegründerin des Chachapoya-Museums in Leymebamba schrieb in einer vom Museum herausgegebenen Darstellung der Chacha-poya-Kultur: “Unter den verstreuten Berichten der Kolonialzeit über die Chachapoya kom-mentierten fast alle Chronisten die Schönheit und die weiße Haut der Frauen.“ Auch Peter Lerche entdeckte in den Chroniken „über ein halbes Dutzend Berichte über das Aussehen der Chachapoya“, die alle erstaunt die weiße Haut der Chachapoya und die besondere Schönheit ihrer Frauen zur Kenntnis nahmen (Quellennachweise in Giffhorn 2013 und 2014, S.254).

Ein Vetter des Eroberers von Peru, Francisco Pizarro, der Chronist Pedro Pizarro, beteiligte sich als Soldat an den Feldzügen der Konquistadoren, reiste so quer durch Peru und staunte über die Chachapoya: „Das übrige Weibervolk in diesem Königreich (Peru) ist mehr gedrungen, weder schön noch hässlich, sondern von mittelmäßigem Aussehen.“ Anders die Chachapoya: „Die Indias vom Stamme der ... Chachapoya ... waren besonders schön und gepflegt ... und unter den vornehmen Herren und Herrinnen waren manche weißer als Spanier.“ Und: „Dieses Volk aus Peru ist weiß mit dunkelblonden bis braunen Haaren ... In diesem Land sah ich eine Frau und ein Kind so weiß und so blond, wie man es sonst kaum sieht.“ (Quellennachweise in Giffhorn 2013 und 2014, S.253 f).

Die Berichte dieser Chronisten sind noch heute für Historiker die wichtigste und verläss-lichste Quelle zu jener Epoche. Ihren Aussagen ist sicherlich nicht immer zu trauen: Sie neigten dazu, die Rolle der Spanier zu glorifizieren, um sich bei ihren Lesern und ihrem König beliebt zu machen. Wenn die Chronisten jedoch das Aussehen der Indianer be-schrieben und ihnen bei den Chachapoya europäisches Aussehen auffiel, gibt es keinen Grund, an ihrer Faktentreue zu zweifeln. Weder wollten sie damit irgendetwas beweisen noch den Chachapoya eine besondere Rolle zuweisen.

Wir können deshalb unterstellen, dass die Chronisten einfach nur das, was sie erstaunte, wahrheitsgemäß berichteten.

Diese Berichte lösten besonders unter Laien viel Erstaunen aus und wurden oft als eindeutige Belege für eine Einwanderung aus Europa interpretiert, die vor Kolumbus stattfand.

 

All das weiß Warren Church. Er kennt auch das Inkagemälde und sicher auch Peter Ler-ches Gringuito-Fotos. Doch in seiner Stellungnahme berücksichtigt er nichts davon, son-dern zitiert ausschließlich aus einem Bericht des Chronisten Cieza de León.

Cieza schrieb: „Nach seinem Sieg über die Chachapoya brachte der Inka-Fürst Huayna Capac viele Chachapoya-Frauen in die Sonnentempel der Inka.“ Und er nennt auch einen Grund: „...weil sie schön, anmutig und sehr weiß sind.“ (Quellennachweise in Giffhorn 2013 und 2014, S. 245).

Aber Church sagt: „Kein Chronist hat je behauptet, dass die Chachapoya weiß waren.  Nachdem er die spanischen Kolonien in Amerika bereist hatte, notierte Cieza de León: „Die Chachapoya sind die weißesten Leute, die ich hier gesehen habe. Es sind sehr ange-nehme Leute, die Frauen sehr schön. Oft waren sie die Geliebten oder Ehefrauen der Inkaherrscher. Wirklich sehr beeindruckende Menschen.“

Doch daraus kann man, so impliziert das, natürlich nicht ableiten, dass die Chachapoya europäische Vorfahren hätten.

Prof. Warren Church im Film „Karthagos vergessene Krieger“ bei ca. Minute 46

Mit solchen Interpretationen, die entscheidende dokumentierte Fakten und Berichte igno-rieren, steht Church in der Fachwelt nicht allein.

Noch Ende 2012 stand auf der Wikipedia-Seite „Chachapoya“ Folgendes: „Tatsächlich ist aber in den Berichten der spanischen Eroberer ... nie von ‚blonden Indianern’ die Rede. Der spanische Konquistador und Chronist Pedro de Cieza de León beschrieb die Chacha-poyas als ´die weißesten und ansehnlichsten Menschen`, die er in Südamerika gesehen habe … Wahrscheinlich ist, dass sie sich in ihrem Äußeren nur so weit von den übrigen An-denvölkern dieser Gegend unterschieden, dass die Inka und die Konquistadoren dies als Unterscheidungsmerkmal heranzogen.“

Ähnlich argumentieren auch andere Wissenschaftler, die zu den Chachapoya geforscht haben (zum Beispiel Inge Schjellerup, Adriana von Hagen): Die Chronisten hätten die Hautfarbe nicht als weiß, sondern als „relativ hell“ im Vergleich zu anderen Indianern be-schrieben.  (Quellennachweis in Giffhorn 2013 und 2014, S.252). Wenn das so wäre, hätten sie das Wort claro („hell“) gewählt. Doch sie bezeichneten das Aussehen der Chachapoya stets als blanco („weiß“).

 

Es geht noch verrückter:

So schreibt der auf Archäologie spezialisierte angesehene Wissenschaftsredakteur („Bild der Wissenschaft“) Michael Zick: „Gebetsmühlenartig werden heute Notizen spanischer Chronisten von den ´schönen und hellhäutigen Chachapoya´ zitiert... Keiner der damali-gen Schreiber aber war jemals selbst in der Region, sie hatten im besten Fall Chachapoya in Cusco gesehen. Meist bezogen sie ihre Kenntnis vom Hörensagen, also von den Inka, die alle ihre Gegner als hellhäutig brandmarkten. ´Hellhäutig` mutierte in den epigonalen Berichten zu ´weiß`, und zu weiß passt ´blond`“ (Quellennachweis Giffhorn 2014, S. 252).

Noch eine Notiz zur Behauptung, dass die Inka ihre Gegner „als hellhäutig brandmark-ten“: Der große Inkakaiser Huayna Capac, der Feldzüge gegen die Chachapoya befehlig-te, nahm eine Chachapoya zur Nebenfrau. Mit ihr zeugte er den letzten Inka-Kaiser Atahu-alpa, seinen Lieblingssohn (auch der Inka-Chronist Poma de Ayala berichtet davon).

Der Text auf dem Gemälde: „Atahualpa, der 14. Inka, der besiegte Sohn einer Chacha-poya-Mutter, der Königin von Quito.“ Quito war damals die Hauptstadt des Nordreichs der Inka (Quellen-Nachweise und Details in Giffhorn 2016, S.67)..

Es gibt noch ein weiteres Zeugnis:

Am 31. Januar 1843 beschrieb der Entdecker der Festung Kuelap, der aus der Stadt Cha-chapoyas stammende Richter Cristomo Nieto, in seinem Bericht an den Präfekten des Departements Amazonas, D. Miguel Mesia, das, was er in der Festung fand: vier Mumien  „mit geschnittenem, dünnem blondem Haar und nicht wie das der Indianer von heute.“ (in “Colección de leyes, decretos, resoluciones i otros documentos oficiales” Imp. de "La Opinión Nacional", Lima 1905). Giffhorn 2014, S.240f

Nieto’s Bericht S.448,                                 S.450

Auch dieses Dokument wurde soweit ich weiß von keinem der Chachapoya-Experten je-mals öffentlich zur Kenntnis genommen.

Warum riskieren Church und seine Kollegen, dass ihre Fachkompetenz oder ihre wissen-schaftliche Redlichkeit angezweifelt werden – nur um zu verhindern, dass mögliche Indi-zien für eine präkolumbische Einwanderung aus Europa zur Kenntnis genommen wer-den?

 

Noch eine andere Frage lässt der Film „Karthagos vergessene Krieger“ offen.

Hier geht es um DNA-Proben, die ich im Auftrag von Prof. Kayser in den Gringuito-Dörfern entnommen und nach Rotterdam gebracht hatte.

„Karthagos vergessene Krieger“ zeigt Statements, die ich in Rotterdam mit Prof. Manfred Kayser aufgenommen habe (ich hatte Arte und PBS Senderechte überlassen).

Die Frage: Warum liefert Kayser keine eindeutigen DNA-Ergebnisse zur Herkunft der Grin-guitos?

Im zu Beginn dieses Kapitels vorgestellten Kurzfilm zeige ich einen anderen Ausschnitt des selben Interviews: Dort stellte Kayser fest, dass die bisherigen Analysen nicht erkennen lassen, wann sich die aus dem äußersten Westen Europas stammenden männlichen Vor-fahren der getesteten Gringuitos zum ersten Mal mit indianischen Frauen vermischt ha-ben.

Weiter betonte Kayser, dass man für die Klärung dieser Frage trotzdem genetische Bele-ge finden könne: „Im Prinzip ist es also möglich, doch dazu benötigt man eine größere Zahl von Proben. Und deshalb planen wir in der Tat gerade eine neue Expedition, um DNA-Pro-ben zu sammeln – in den Regionen, in denen die Gringuitos leben.“

Doch die Archäologen, die den peruanischen Wissenschaftsbetrieb kontrollieren, wissen von Kaysers Plänen - und haben bis heute ihre Verwirklichung verhindern können.

So stellt sich eine weitere Frage: Warum haben die peruanischen Archäologen diese Un-tersuchungen verhindert?

Spielen hier eventuell Mechanismen eine Rolle, die verhindern könnten, dass von der Gesellschaft finanzierte Forschung ihre Aufgaben erfüllt?

Dem gehe ich im Folgenden nach – dazu Kapitel 8.

 

8. Reaktionen der Fachwelt: Dogmatismus und Machtverhältnisse im Wissenschaftsbetrieb

Auf den Seiten 242-245 in der 2. Auflage des Buchs „Wurde Amerika in der Antike ent-deckt?“ von 2014 gibt es ein Kapitel, das ich „DNA-Analysen und ein Wissenschaftskrimi“ genannt habe. Außerdem habe ich zwei Jahre später neue Informationen zum selben Thema veröffentlicht (im Begleittext zur DVD Giffhorn 2016, S.95-98). Der „Krimi“ bestand großenteils aus Korrespondenz, an der ich beteiligt war – mit überraschenden Wendun-gen und Informationen. Auch das habe ich alles archiviert.

Hier werde ich mich auf die Kernpunkte beschränken.

 

Also: Schon lange, bevor ich Manfred Kayser das erste Mal kontaktierte und ihm Fotos der Gringuitos schickte, war er eng mit einigen führenden finnischen Genetikern befreundet. Sie sind angestellt an der Uni Helsinki, forschten jedoch schon damals vorwiegend in Nordostperu. Von möglichen Verbindungen der Chachapoya zur Alten Welt wussten sie zu der Zeit noch nichts. Erst dadurch, dass Manfred Kayser ihnen die Gringuito-Fotos weiterleitete und von meiner Hypothese berichtete, erfuhren sie davon – und waren fasziniert.

So entstand schnell die Idee, dass ich in Peru einige DNA-Proben der Gringuitos sammle (als eine Art provisorischer Pilotstudie) und weiter recherchiere, um eine großangelegte Untersuchung vorzubereiten. Uns allen war schon immer klar, dass nur so wirklich aussagekräftige Erkenntnisse zustande kommen konnten.

Nach meiner Rückkehr machten wir uns mit Feuereifer gemeinsam an die Planung. Meine Aufgabe bestand darin, die Route durch die Gringuito-Dörfer, Kontakte etc. vorzubereiten, die Finnen kümmerten sich in Lima um die bei solchen Projekten immer notwendigen offi-ziellen Genehmigungen, und Manfred bereitete die technischen Voraussetzungen vor und koordinierte. Alle Informationen zwischen Deutschland, Rotterdam, Helsinki und Peru lie-fen per E-Mail und CC an alle Beteiligten.

Im Sommer 2008 sollte die Expedition stattfinden.

 

Für die Genehmigungen und Organisation der Forschungen der Finnen in Peru war und ist die Mumien-Expertin Sonia Guillén unmittelbar zuständig. Im Kapitel 3 hatte ich schon von ihr berichtet – sie gehörte zu den Wissenschaftlern, die ich 1998 bei meiner ersten Reise nach Nordostperu kennenlernte.

 

Ende 2008 berichteten die Finnen, dass Sonia Guillén Schwierigkeiten mit den Genehmigungen sieht, und auch später hörte Kayser aus Peru immer nur, dass sich die Umsetzung seines Projekts verzögere.

So ging das Jahr um Jahr, auch noch im Jahr 2013: Da schickte mir ein Bekannter, der in der Stadt Chachapoyas lebt, einen Kongressbericht. Es ging um eine Tagung von Paläopathologen, die Ende 2011 in Lima stattgefunden hatte (geleitet von Sonia Guillén).

Dort war Erstaunliches zu lesen: Manfred Kaysers finnische Kollegen waren schon längst dabei, großangelegte Analysen der DNA von Chachapoya-Nachfahren durchzuführen – ohne ihn, und unter der Leitung von Sonia Guillén.

Kayser fragte irritiert bei seinen Kollegen nach und bot ihnen auch Gratis-Hilfe durch die damals noch einzigartigen technischen Möglichkeiten seines Instituts an – und erhielt keine Antwort.

Ich wollte mehr herausfinden. So schrieb ich Sonia Guillén und fragte sie nach Ergebnis-sen der Analysen. Sie konnte sich noch gut an mich erinnern, wusste natürlich auch von meiner Hypothese, antwortete sehr freundlich und verwies mich für weitere Details an die junge peruanische Genetikerin Evelyn Guevara (die inzwischen in Helsinki promoviert hat). Evelyn berichtete offen von den Ergebnissen der Studien.

Es zeigte sich, dass die Gringuito-Dörfer offenbar gezielt vermieden wurden. Außerdem wurden nur die Daten der mütterlichen mtDNA berücksichtigt. Damit war ausgeschlos-sen, dass eindeutige genetische Informationen zu einer eventuellen antiken Zuwande-rung europäischer Männer nach Nordostperu bekannt werden.

Abgesehen davon aber waren die Ergebnisse recht interessant:

Die Genetiker reagierten ähnlich wie die Archäologen auf das plötzliche Auftreten der Chachapoya-Bautradition. Sie staunten über die ungewöhnliche und in Südamerika schon lange vor den Inka einzigartige genetische Vielfalt, und sie waren ratlos.

Zu diesem "geheimnisvollen Volk müsse man noch weiter forschen" (Belege u.a. in Giffhorn 2014, S.243f).

Doch wie die archäologischen Befunde, würden sich auch die genetischen Befunde durch unsere Hypothese plausibel erklären lassen.

 

Nachdem ich alle mir wichtigen Informationen erhalten hatte, fragte ich Sonia und Evelyn, warum die Hilfsangebote von Manfred Kayser nicht angenommen wurden – und erhielt keine Antwort, bis heute nicht.

Das war für mich keine Überraschung: Evelyn und Sonia kennen – so wie die Finnen – in Grundzügen meine Hypothese, sie wissen auch, dass Kayser eventuelle Belege für präko-lumbische Alte-Welt-Einflüsse auf die Chachapoya nicht verheimlichen würde, und sie be-fürchten schwerwiegende Nachteile für ihre Arbeitsmöglichkeiten und ihre berufliche Zu-kunft, wenn sie nicht die Zusammenarbeit mit ihrem alten Freund Manfred abbrechen .

 

Aber weshalb müssen sie Probleme befürchten?

Um das verständlich zu machen, springe ich zurück ins Jahr 1998 .

Als mich Peter Lerche und Sonia Guillén damals kennenlernten, fragten sie mich, ob ich mich schon vorher in Lima mit einem Kauffmann Doig getroffen hätte. Als ich das vernein-te waren sie sichtlich erleichtert, und erklärten die Situation: Der Archäologe Prof. Dr. Dr. Federico Kauffmann Doig sei der wichtigste und mächtigste Mann im peruanischen Wissenschaftsbetrieb.

Zu seinem Verhalten als Wissenschaftler äußerten sie jedoch Bedenken.

Später erfuhr ich durch die Beschäftigung mit den Arbeiten des renommierten US-Archä-ologen Prof. Warren Church, dass Kauffmann Doig dokumentierte Fakten ignoriert und andere Fakten erfindet, und dass das noch heute gilt (vgl. Giffhorn PDF 2019/1, S.7f und 2019/2, S.7, S.9).

 

Was hat das mit Kaysers Projekt zu tun?

Kauffmann Doigs Theorie, mit der er viele Freunde unter den Mächtigen Perus gewann, lautete so: Die großartige rein peruanische Chachapoya-Kultur ist dadurch entstanden, dass Menschen anderer großartiger peruanischer Hochkulturen aufgrund von Überbe-völkerung in den Hochanden etwa um 900 n. Chr. die zuvor weitgehend unbewohnten Bergwälder am Nordostabhang der Anden kolonisierten.

Diese Theorie vertritt der immer noch mächtige alte Herr nach wie vor – ungeachtet aller schon oft veröffentlichten Widerlegungen. „Mountainization“ nennen seine treuen Gefolgsleute in der englischsprachigen Wikipediaseite „Chachapoya“ die Theorie von Kauffmann Doig (Belege, Quellennachweise und weitere Belege und Details in Giffhorn 2016, S.95f).

Kauffmann Doig erfährt öffentliche Anerkennung wie kein zweiter peruanischer Wissenschaftler. So war er auch mehrere Jahre Botschafter Perus in Deutschland, und seine Wikipedia-Seite vermittelt einen Eindruck von der Macht seiner Lobby: https://es.wikipedia.org/wiki/Federico_Kauffmann_Doig

Dass niemals eine präkolumbische Einwanderung aus der Alten Welt die Chachapoya-Kultur beeinflusst habe, wird von Kauffmann Doig ständig als zweifelsfrei gesicherte Wahrheit dargestellt. Was der Giffhorn im fernen Deutschland anhand von Indizien belegt, interessiert ihn genauso wenig, wie die vom US-Archäologen Prof. Warren Church auf academia.edu veröffentlichten und nur von ein paar hundert Leuten gelesenen Artikel.

Doch seit längerer Zeit gelten DNA-Nachweise bei vielen Laien als unfehlbar. Wenn nun eine internationale Gruppe renommierter Genetiker eindeutige DNA-Nachweise vorlegen würde, die belegen, dass eine schon seit spätestens 2013 bekannte Theorie Kauffmann Doigs Theorie widerlegt, würde das auch international Aufsehen erregen – und Kauff-mann Doig wäre auch bei allen seinen Anhängern als Scharlatan entlarvt.

Was das für ihn bedeuten würde und was er alles tun würde, um das zu verhindern, muss ich nicht ausmalen.

 

Aber warum lässt sich auch Sonia Guillén von dem Risiko, Kauffmann Doig zu verärgern, beeindrucken?

Kauffmann Doig hält sich natürlich über alle in Peru geplanten Forschungsprojekte auf dem Laufenden. Doch er ist Archäologe. Karrieren von Kollegen kann er blockieren.

Sonia dagegen hat Anthropologie studiert und war vor Allem für die Betreuung der perua-nischen Mumiensammlungen zuständig. Ihr könnte Kauffmann Doigs Zorn egal sein.

Doch etwa zu der Zeit, als eigentlich das von Kayser und den Finnen geplante Projekt starten sollte, begann für Sonia eine atemberaubende Karriere. So wurde sie Direktorin des größten und ältesten Museums in Peru, dem Museo Nacional de Arqueología Antropología e Historia del Perú , und inzwischen ist sie Kulturministerin von Peru: (https://www.expreso.com.pe/politica/sonia-guillen-es-la-nueva-ministra-de-cultura/).

Sagen wir es so: Das alles wäre sicher nicht möglich gewesen, wenn Sonia sich Kauff-mann Doig zum Feind gemacht hätte.

 

Soweit zu den offenen Fragen in Bezug auf DNA und europäische Erbanlagen.

Doch diese Fragen sehe ich für sich genommen als nicht wichtig an. Das hatte ich schon am Anfang von Kapitel 7 erläutert. Mich interessierte lediglich: Wie gehen Chachapoya-Experten mit dem Thema um?

 

Auch diese Frage war kein Selbstzweck. Sie führte zu einer weiteren, am Ende von Kapitel 7 genannten Frage, deren Bedeutung weit über unsere Forschungen zu den Chachapoya hinausgeht: Spielen hier eventuell Mechanismen eine Rolle, die verhindern könnten, dass von der Gesellschaft finanzierte Forschung ihre Aufgaben erfüllt?

 

Im Zusammenhang mit dieser Frage könnte sich ein ganz anderes Thema als aufschluss-reich entpuppen. Am Ende von Kapitel 3 wurde es schon kurz angesprochen: die Datie-rungen zum ersten Auftreten der Chachapoya-Bautradition, insbesondere der steinernen Rundbauten (die dazu vorliegenden Aussagen sind präziser als die Forschungsergeb-nisse zu Kuelap). Zur Rundbauten-Datierung sind wie üblich viele Details und Quellenan-gaben verfügbar: in Giffhorn 2014, S.73ff, Giffhorn 2016, S.14-16 und S.95-96 sowie in den PDF-Dateien Giffhorn 2019/1, S.11-13 und 2019/2 S.13-15.

 

Genaue Informationen zum Beginn der Bautradition waren eine entscheidende Voraus-setzung dafür, dass wir unsere Hypothese eingrenzen und damit leichter widerlegbar und überprüfbar machen konnten. Bis heute nennt die gängige Fachliteratur stets Zahlen zwi-schen 700 und 900 n.Chr.  – allerdings nur in Form von unbelegten Behauptungen.

So durchforstete ich die Literatur nach verlässlich dokumentierten Grabungsberichten.

Die neben der Doktorarbeit von Church international anerkannteste Veröffentlichung zu den Chachapoya ist die umfangreiche, 1997 veröffentlichte Doktorarbeit der dänischen Archäologin Prof. Dr. Inge Schjellerup. Die vielen dort enthaltenen sorgfältig belegten De-tailinformationen hatten sich oft als unverzichtbar bei der Überprüfung unserer Hypothe-se erwiesen.

 Zum Alter der Chachapoya-Bautradition war mir dort zuvor noch nichts aufgefallen. So versuchte ich es noch mal. Es war mühsam, die 345 großformatigen, engbedruckten Seiten durchzuarbeiten.

Doch schließlich wurde ich fündig. Einer der Anhänge mit Detail-Auflistungen dokumen-tierte eine vielversprechende Grabung – die Structure H-1 in Huepon.

In der Interpretation der Grabung bezog Inge Schjellerup zwar die äußerst verlässlichen Datierungen nur auf Keramikfunde in den Schichten des Grabungsquerschnitts, aber sie konnte damit eine durchgängige Besiedlung der Structure H-1 nachweisen – ab 10 n. Chr.!

Die veröffentlichten Details waren eindeutig: Die Structure H-1 war ein steinerner Rund-bau (dazu u.a. Giffhorn 2016, S.14-16).

Das war eine für die Chachapoya-Archäologie sensationelle Entdeckung: der erste präzi-se dokumentierte Beleg dafür, dass der Beginn der Chachapoya-Bautradition bisher um über 800 Jahre zu spät angesetzt wurde.

Aber warum versteckt Inge Schjellerup einen so wichtigen Befund hinter unklaren Be-schreibungen?

Ich schrieb ihr, wie ich ihre Grabung interpretiere. Sie widersprach nicht, doch eine Be-gründung, warum sie etwas so Bedeutendes geheim hielt, lieferte sie nicht („Man solle sich doch lieber einfach an der Schönheit der Chachapoya-Kultur erfreuen“).

Auch nach 1997 forschte Inge noch hin und wieder zu den Chachapoya, doch sie konzen-trierte sich auf die Geschichte der Kolonialzeit und vermied in ihren Veröffentlichungen alle Fragestellungen, die irgendetwas mit dem Alter der Bautradition zu tun haben könnten.

 

Es gab noch eine Spur – wieder einmal ein Stück Detektivarbeit  in der Art wie ich sie schätze: Anfang 2013, kurz nachdem die erste Auflage des Buchs „Wurde Amerika in der Antike entdeckt?“ erschienen war, stieß ich in dem Internet-Portal  academia.edu auf einen Artikel, den Warren Church 1994 veröffentlicht hat: https://www.academia.edu/239379/Early_Occupations_at_Gran_Pajaten_Peru

Einer der berühmtesten Chachapoya-Bauten heißt „Gran Pajatén“, ein prächtig verzierter Rundbau, der im 15. Jahrhundert zu der Zeit, als die Inka das Gebiet besetzt hatten, im Südosten des Chachapoya-Gebiets an den Quellen des Amazonas gebaut wurde. Aus dem Artikel erfuhr ich, dass Church dort geforscht hat, und dass sich bei seinen Grabun-gen herausstellte, dass Gran Pajatén auf den Grundmauern eines viel älteren steinernen Rundbaus errichtet war.

Church entdeckte dort auch Keramikscherben aus dem 4. Jahrhundert vor Chr. (vgl. u.a. S.286).

Doch über das Alter des Rundbaus schrieb Church kein Wort.

Er nannte aber – auf S. 294 – den Text, in dem er die Grabung dokumentiert hatte.

Der Titel: „Test-Grabungen und Keramik aus Building No.1 .. Magisterarbeit, Abteilung für Anthropologie, University of Colorado, Boulder“, 1988.

Normalerweise veröffentlicht Church alle seine Arbeiten auf academia.edu, doch diese nicht. Auch an anderen Stellen fand ich keinen Hinweis auf eine Veröffentlichung.

Lohnte es sich, weiter zu recherchieren?

Wenn Building No.1 z.B. aus dem 9. Jahrhundert n.Chr. stammen würde, würde es sich um kein aussagekräftiges Indiz handeln.

Aber wenn – was nahe läge – Building No.1 so alt wäre wie die dort gefundene Keramik (4.Jh. v. Chr.) oder wenn Church dort ältere Vorformen von Rundbauten entdeckt hätte, wäre unsere gesamte Hypothese widerlegt: Die Hypothese ging immer davon aus, dass die Rundbauten-Tradition der Chachapoya vor etwa 2000 Jahren fertig entwickelt und wie aus dem Nichts an den Quellen des Amazonas auftauchte. Die letzten 15 Jahre Re-cherche (seit 1998) wären dann also umsonst gewesen, und der C.H.Beck-Verlag hätte etwas Falsches publiziert.

 

Aber ich war entschlossen, diesem Risiko tapfer ins Auge zusehen – und recherchierte weiter. Schließlich fand ich eine Information im „Worldcat“, dem internationalen Katalog für wissenschaftliche Bibliotheken. Dort las ich, dass die Arbeit tatsächlich nie veröffent-licht wurde und als Manuskript in der Bibliothek der Universität von Colorado, Boulder lagert.

Ich sah mich schon nach Flügen in die USA um, doch dann hatte ich eine Idee: Vielleicht könnte die Fernleihe meiner alten Göttinger Uni helfen. Ich rief dort an. Sie hatten mich tatsächlich noch in ihrem Computer und wollten sich bemühen.

Einige Wochen später kam ein Anruf: Das Manuskript sei in Göttingen und ich könne es dort kopieren. Ein paar Stunden später quälte ich mich durch den Stapel.

Der Einleitung war zu entnehmen, dass die Grabungen von mehreren erfahrenen und renommierten Archäologen betreut wurden. Sie hätten Fehler in der Arbeit sicher nicht durchgehen lassen.                                                                 Das sind ihre Unterschriften.

Und das der Grabungsplan (auf S.86)

Bei den Grabungen entdeckten Church und seine Kollegen, dass in die Grundmauer des Rundbaus eine datierbare Keramik eingefügt war.

Und schließlich: das Ergebnis!

Zitat: „Das präziseste Bau-Datum, das wir für Building No.1 angeben können, ist nach 73 n.Chr. … So können wir annehmen, dass der Baubeginn nicht lange nach 73 n.Chr. statt-fand.“ Zitat Ende.

Das passt perfekt zur Hypothese, ebenso wie die Tatsache, dass die Indianer der Region, die schon 400 Jahre zuvor hier lebten und Keramik herstellten, keinerlei Gebäudereste hinterließen.

 

Warum hat Church ausgerechnet das wohl wichtigste Ergebnis all seiner Forschungen bis heute nicht veröffentlicht? Das wollte ich wissen.

Church antwortete mir per E-Mail nicht etwa mit der Aussage, dass die Datierung falsch oder unzuverlässig sei, sondern nur mit dem Hinweis auf den Ratschlag eines weiseren Kollegen und auf alte schrullige peruanische Archäologen, die Ärger machten. Namen nannte Church nicht.

Also recherchierte ich zur Situation im Chachapoya-Gebiet im Jahr 1988 (Giffhorn 2014, S.39ff).

Damals war Church noch ein junger Mann.

Das Ergebnis meiner Recherchen war eindeutig. Der mit Abstand mächtigste Archäologe Perus war damals: Prof. Federico Kauffmann Doig. Geboren ist er am 20.06.1928, war also schon ein älterer Herr von 60 Jahren. Er hatte bereits viel veröffentlicht und viele Ehrun-gen erhalten.

Schon zu der Zeit vertrat er unbeirrbar die Theorie, dass die Chachapoya-Bautradition um etwa 900 n. Chr. in der zuvor scheinbar unbewohnten Chachapoya-Region von Men-schen aus anderen peruanischen Andenregionen entwickelt wurde.

Eine Veröffentlichung der Entdeckungen von Church und Schjellerup hätten die Theorie, der er seine Ehrungen verdankt, eindeutig widerlegt.

So erklärt sich, dass Church und Schjellerup ihre Entdeckungen geheim halten mussten. Vor allem zu jener Zeit, am Beginn ihrer Laufbahn, konnten sie es sich nicht leisten, den Zorn Kauffmann Doigs auf sich zu lenken.

Wer weiß welchen Verlauf die Chachapoya-Forschung genommen hätte, wenn damals Wissenschaft nicht durch einen mächtigen Vertreter einer starren Doktrin blockiert wor-den wäre.

 

Inzwischen ist Warren Church ein angesehener Professor. Er kann es sich sogar leisten, Kauffmann Doig zu widerlegen und das auf academia.edu zu veröffentlichen.

Kauffmann Doig schert das nicht: Ein paar hundert Leser, großenteils US-amerikanische Studenten von Church, können seinem Image bei den Mächtigen in Lima nichts anhaben, zumal Church das eindrucksvollste Gegenargument, die Datierung des Rundbaus, nach wie vor verschweigt.

Könnte Church jetzt nicht endlich zu seiner Entdeckung stehen?

Nein. Er arbeitet aktiv an seiner Uni in Georgia, USA. Und auch dort bestimmen mächtige Fachpäpste die Lehrmeinung. Genauso wie in Peru sind auch für die führenden Archäo-logen der USA alle Argumente, die eine antike Einwanderung aus der Alten Welt nach Südamerika nahelegen könnten, des Teufels. Ich weiß von keinem professionellen Archä-ologen der USA, der es in den letzten Jahrzehnten gewagt hat, öffentlich auch nur die Möglichkeit einer solchen Einwanderung zu erwägen.

Auch Church ist da keine Ausnahme – ob freiwillig oder nicht.

 

Seine neusten Veröffentlichungen belegen das besonders deutlich. Dort versucht er mit allen Mitteln sein Konzept durchzusetzen, dass die Chachapoya-Kultur autochthon, also ohne Einflüsse durch Einwanderungen entstanden sei.

Dabei gerät er zwar ständig in Widerspruch zu auch von ihm selber dokumentierten Fakten, aber dafür entspricht er exakt der Lehrmeinung, die die US-amerikanische Ar-chäologie prägt (vgl. PDF Giffhorn 2019/1, S.7 und S.10f, und 2019/2, S.8-10 und S.12f).

Warum verteidigt Church seine Theorie der unabhängigen, autochthonen Entwicklung der Chachapoya-Kultur so hartnäckig, dass er riskiert, seinen Ruf als ehrlich an Erkennt-nisgewinn interessierter Wissenschaftler zu verlieren?

Vielleicht ist das der Grund: Mir wurde aus mehreren Quellen (auch von Church) berichtet, dass es vor allem in Amerika einen Konsens darüber gibt, wie Archäologen mit Einwan-derungstheorien umgehen sollten: "Die archäologische Theorie über Migrationen beruht auf der Annahme, dass die Beweislast in Bezug auf Einwanderungen bei denen liegt, die sie für möglich halten.“

Aber vor allem die Kulturen Amerikas und Europas zeigen, dass praktisch keine dieser Kulturen ohne mehrere Einwanderungswellen zu unterschiedlichen Zeiten und aus ver-schiedenen Regionen entstanden wäre.

Daher müsste die Beweislast auf Theorien, die Einwanderungen ausschließen, liegen (wie der Theorie von Church).

Anscheinend hat die Formulierung dieses seltsamen „Konsenses“ einen anderen Zweck, der vermutlich den Schutz eines älteren Dogmas erleichtern soll: die immer noch mächtige und berühmte "NEBC – No Europeans Before Columbus"-Doktrin. Im Zeitalter der Globalisierung begegnet man dieser Doktrin auch in Großbritannien sowie in Deutschland oder Peru und den USA – und sie führt überall zur Unterdrückung unvoreingenommener Forschung.

Nur ein Beispiel aus einem amerikanischen Zeitungsartikel: "Die 'No Europeans Before Columbus' Gruppe, die kontrolliert, was in unseren öffentlichen Schulen gelehrt wird ..." (vgl. PDF Giffhorn 2019/1, S.10f und 2016/2 S.12f).

 

Diesem Phänomen in der Wissenschaftspolitik der Altamerikanisten ist die Archäologin Dr. Karin Hornig häufig begegnet, und sie ist der Sache auf den Grund gegangen – mit Hilfe der Wissenschaftsgeschichte. Im 2.Teil des ersten auf dieser Seite vorgestellten Films (im 3. Kapitel) wurde schon ein Eindruck davon vermittelt.

 

Das ist eine Auswahl der Ergebnisse, zu denen Karin Hornig gelangt ist:

Seit der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus vor über 500 Jahren beschäftigten sich Gelehrte Europas, z.B. der spanische Historiker Oviedo (Oviedo 1535) und der deutsche Geograph Willibald Pirckheimer (Pirckheimer 1530), mit der Frage, ob antike Kulturen der Alten Welt in Amerika Spuren hinterlassen haben könnten.

Sie stützten sich auf Berichte griechischer Historiker und die genau dazu passenden Er-fahrungen von Entdeckern wie Kolumbus oder Cabral. Die Gelehrten waren überzeugt, dass die Küsten Südamerikas zum Beispiel von den Karthagern Nordafrikas erreicht wurden.

Aber 1831 behauptete der berühmte Philologe Julius Friedrich Wurm, ohne irgendwelche Argumente zu nennen: „Die Vermuthung, daß hier von America die Rede sey, hat wenig Wahrscheinlichkeit“ (Kommentar in: Diodor 1831, S.514). Zu dieser Zeit, vor etwa 150 Jah-ren, hatte die Ära des Eurozentrismus, Imperialismus und Kolonialismus begonnen.

Plötzlich, und ohne nachprüfbare Belege, wurde behauptet, dass nur moderne Europäer in der Lage gewesen seien, Amerika zu erreichen – zuerst mit Kolumbus.

Damals wurden Schulkinder mit solchen Bildern erzogen (das belegte eine Ausstellung über den Rassismus des 19. Jahrhunderts).

Schließlich seien die Europäer als Höhepunkt einer langen Aufwärtsentwicklung von Na-tur aus allen anderen Völkern überlegen.

Den Zeitgeist prägten damals Vorstellungen, wie sie 1854 die Brockhaus Enzyklopädie formulierte: Europa sei „seiner kulturhistorischen und politischen Bedeutung nach unbe-dingt der wichtigste unter den fünf Erdtheilen, über die er in materieller, noch mehr aber

in geistiger Beziehung eine höchst einflussreiche Oberherrschaft erlangt hat.“

Mit dieser rassistischen und kolonialistischen Ideologie legitimierten die herrschenden Gruppen der Kolonialmächte wie Großbritannien, Deutschland und Spanien im 19. und frühen 20. Jahrhundert die Unterwerfung und Ausbeutung fremder Völker.

Hätten sie die Möglichkeit akzeptiert, dass andere, vielleicht sogar Nordafrikaner, den Atlantik viel früher überqueren könnten als Kolumbus, wäre ihr Selbstbild widerlegt.

Die jeweiligen weißen „Eliten“ sorgten auch dafür, dass ihre Ideologie an den Universitä-ten der ehemaligen Kolonien in Süd- und Nordamerika die gültige Lehrmeinung bestimmte.

Von Generation zu Generation wurde das Dogma an den oft autoritär organisierten Insti-tuten weitergegeben.

Und auch noch in unserer Zeit müssen Wissenschaftler, die Indizien für präkolumbische Reisen nach Südamerika veröffentlichen, weltweit mit Diffamierung und dem Ende ihrer Karriere rechnen (mehr Fakten und Quellen zu diesem Thema in Giffhorn 2014/1, 2014/2 und 2016).

Heute sind nur noch wenige Wissenschaftler über solche Zusammenhänge informiert – und diese werden unbedingt vermeiden, sich öffentlich dazu zu äußern.

Doch vieles spricht dafür, dass von diesen Zwängen auch Warren Church betroffen ist – und damit  auch sein Umgang mit der von mir vorgestellten Hypothese und mit meiner Person (u.a. aufgrund verschiedener Bemerkungen in der 2. Auflage meines Buchs von 2014 wissen viele Mitglieder der Fachwelt, dass Church und ich uns schätzen und respektieren).

Wen die aufregenden Details dazu interessieren, kann sie hier nachlesen: Giffhorn PDF 2019/1  https://www.academia.edu/40402185/   S.7-15 und S.22-23, oder (auf Englisch) PDF 2019/2  www.academia.edu/39508768/  S.8-15 und S.24-25. Auf diesen Seiten wird dokumentiert, wie aufgrund der Mechanismen der archäologischen Fachwelt aus einem hervorragenden Wissenschaftler ein Verteidiger eines irrationalen Dogmas wurde.

 

Besonders an Archäologischen Instituten wird oft noch heute – wie im 19. Jahrhundert – ein Mythos der Unfehlbarkeit der jeweiligen Fachpäpste gepflegt, wie mir nicht nur die Archäologin Dr. Karin Hornig berichtete. Ich traf auch andere Archäologen, die sagten: „Ich denke, Deine Theorie stimmt, aber bitte zitiere mich nicht.“ Andernfalls könne er seine Karriere vergessen.

Man denke auch an die Probleme, mit denen die Entdecker der nordamerikanischen Siedlung L'Anse aux Meadows, Neufundland, jahrzehntelang kämpfen mussten (in Neu-fundland haben sie1961 eine Wikingersiedlung ausgegraben).

 

Heute fungieren vor Allem die „Peers“, die jeweiligen Fachautoritäten, gemeinsam als Hüter des Dogmas. Mit dem System der „Peer-review“ kontrollieren sie in Wissenschafts-Publikationen zur Veröffentlichung eingereichte Forschungsberichte. Das Ergebnis wird häufig von Fachleuten beklagt: so werde verhindert, dass Forschungsergebnisse, die die jeweils herrschende gängige Lehrmeinung korrigieren, überhaupt zur Kenntnis genommen werden. Und das blockiert wissenschaftlichen Fortschritt.

Aber an dem System wurde bisher nichts geändert

 

Präkolumbische Kulturen sind mir nicht wichtig, und vor allem geht es mir nicht darum, Warren Church zu ärgern. Alle vorherigen und auch die folgenden Erläuterungen und Be-richte dienen nur als Beispiele für die Auseinandersetzung mit der Frage, welche Mecha-nismen bewirken könnten, dass von der Gesellschaft finanzierte wissenschaftliche For-schung daran gehindert wird, ihre Aufgaben zu erfüllen.

Solche Mechanismen prägen nicht nur den archäologischen Wissenschaftsbetrieb der USA, Perus oder Englands, sondern auch Deutschlands.

Ein Beispiel: Karin Hornig von der Uni Freiburg, die intensiv an der Entstehung meines Buchs mitgewirkt hat, berichtete immer wieder von Schikanen durch ältere Archäologen, wenn diese mitbekamen, dass sie zu präkolumbischen Atlantiküberquerungen forschte. Sie hatte gehofft, dass ihre Arbeit endlich respektiert wird, wenn ihre Forschungsergeb-nisse in einem angesehenen Verlag und im Rahmen einer zusammenhängenden und weitgehend unangreifbaren Argumentation veröffentlicht werden.

Doch offenbar war das Gegenteil der Fall: Nach dem Erscheinen des Buchs wurde sie so konsequent ausgebremst, dass sie diese Forschungen (ihr Lebensinhalt) aufgab und sich ganz zurückzog. Inzwischen ist sie verstorben.

Mir können dank meiner beruflichen Situation Archäologen nichts anhaben. So versu-

chen sie, durch Diffamierungen aller Art zu verhindern, dass meine Arbeitsergebnisse zur Kenntnis genommen werden. Der Journalist Stefan Korinth hat im Jahr 2016 einen Artikel in Telepolis-Heise-online veröffentlicht, in dem er sich mit meinen Forschungen und auch den Reaktionen der Fachwelt auseinandersetzte. Zusammenfassend stellte er fest, dass diese „nur selten vom argumentativen Austausch und häufig von Polemik und Aggressivität geprägt“ sind. (Seite 1)

Auf S. 2 hat er repräsentative Beispiele zusammengestellt:

https://www.heise.de/tp/features/War-die-Neue-Welt-gar-nicht-so-neu-3463389.html?seite=2

 

Lässt sich an dieser unproduktiven Situation etwas ändern?

Die folgenden Ausführungen haben nicht den Zweck, irgendjemanden von der Gültigkeit unserer Hypothese zu überzeugen. Sie richten sich auch nicht nur an Experten für präko-lumbische Kulturen. Die Ausführungen verstehe ich als Appell an alle, denen es wichtig ist, dass Wissenschaft ihrer Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft nachkommt.

Nur wenn nicht im Voraus festgelegt wird, was herauskommen darf und was nicht, besitzt Forschung einen Wert für die Gesellschaft.  Innerhalb und außerhalb der Universitäten sollte deshalb Forschung stets ergebnisoffen und von Dritten überprüfbar stattfinden, ohne dass Dogmen und autoritäre Strukturen das blockieren.

Genau dafür riskierten die Philosophen der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert ihr Le-ben, indem sie gegen die Macht der Kirche und ihre Dogmen rebellierten.

Es scheint, dass ihr Erbe in vielen Institutionen verloren gegangen ist. Um es wiederzube-leben, werden Konflikte notwendig sein.

Diejenigen, die öffentlich für mehr Rationalität in der wissenschaftlichen Gemeinschaft eintreten, müssen mit heftigem Widerstand rechnen – von Wissenschaftlern, deren Ruf und Macht von der Gültigkeit eines Dogmas abhängt, aber auch von Menschen,  die ein-fach Angst vor Veränderungen haben.

Aber natürlich ist auch im Bereich der Wissenschaft Kontrolle unverzichtbar. Zu viele Fake News und zu viele Scharlatane tarnen sich mit dem Image der Wissenschaft.

Eine solche Kontrolle sollte jedoch stets transparent und beobachtet durch andere Wis-senschaftler, durch Studenten und durch eine kritische Öffentlichkeit stattfinden, und sie sollte immer gemessen werden an den genannten Prinzipien der Wissenschaft, die be-reits in der Philosophie der Aufklärung gültig waren.

Vielleicht können Veränderungen auch heute noch nur durch kleine oder größere Revolu-tionen gelingen. Sie könnten vor allem von Menschen ausgelöst werden, deren Existenz nicht von den Mechanismen der universitären Fachwelt abhängt – z.B. pensionierte Forscher oder Journalisten. Vor allem an sie richtet sich dieser Text.

 

Auf S.99-112 im Begleittext auf der DVD "Keltische Krieger im antiken Peru" (Giffhorn 2016) finden Sie eine umfangreiche Zusammenstellung aller Belege zum Thema, eine zusammenfassende Analyse und detaillierte Überlegungen zur Frage nach Konsequen-zen. Wenn Sie das ernsthaft interessiert und Sie sich die DVD nicht kaufen möchten, ge-ben Sie mir einfach über das Kontaktformular Bescheid. Dann kann ich Ihnen die PDF-Datei zuschicken.

 

Es gibt einen Bereich der Wissenschaftskommunikation, in dem kein Druck auf Unterge-bene ausgeübt werden kann. Dort arbeiten die Aktiven ehrenamtlich und bleiben ano-nym: in der Wikipedia. Finden wir dort endlich ein Stück Heile Welt?

 

9. Sonderfall Wikipedia

In diesen Zeiten, in denen das Internet überschwemmt wird mit Fake-News, gilt die Wiki-pedia für viele als letzter Hort der Verlässlichkeit und der Seriosität. Auch ich möchte diese komfortable Informationsquelle nicht missen und bewundere das Engagement und den Fleiß der vielen ehrenamtlichen Autoren.

Der Journalist Stefan Korinth stieß jedoch bei seinen Recherchen zu seinem schon er-wähnten Artikel über meine Forschungen auf ein Phänomen, das dazu nicht passt: Unter der Überschrift „Diskurswaffen und Totschlagargumente“ schrieb er:

„Dass Forscher sich nicht mit unseriösen Theorien befassen wollen, ist einerseits nachvollziehbar. Doch wird es andererseits dadurch auch leicht, jegliche weitere unor-thodoxe Theorie mit in diesen Topf der Esoteriker und Rassisten zu werfen. Diese ist da-durch von vornherein diskreditiert, über Argumente und Beweisführung muss dann nicht mehr geredet werden. Genau diese Diskurswaffen wurden auch gegen Giffhorn einge-setzt, bevor sein Buch der Fachwelt bekannt war.

Ähnlich aggressiv geht es hinter den Kulissen der Wikipedia zu. Diese Hintergrundkämpfe sind in den archivierten Diskussionsseiten und Versionsgeschichten der Online-Enzyklo-pädie im Gegensatz zu Machtkämpfen im sonstigen Leben aber vollständig einsehbar. Der Wikipedia-Artikel zu den Chachapoya fällt zum einen dadurch auf, dass Hans Giffhorns Forschungen darin mit Ausnahme zweier Fußnoten komplett ignoriert, genauer gesagt gezielt aussortiert werden (siehe die Versionsgeschichte des Artikels). Zum anderen ist beachtlich, dass die Diskussionsseite um ein Vielfaches länger ist als der Arti-kel selbst.

(Zwischenüberschrift: Offen einsehbare Machtkämpfe in der Wikipedia)

An den Einträgen wird deutlich, wie stark die Enzyklopädie bei brisanten, strittigen oder politischen Themen an diesen Machtkämpfen krankt. Individuelle Wertungen und persön-liche Abneigungen Einzelner höchst aktiver Wikipedianer strukturieren solche Artikel offensichtlich viel mehr als ein sachliches Streben nach Vollständigkeit.

In der Wikipedia-Diskussion benutzen die Giffhorn-Kritiker genau die zuvor benannten Diskurswaffen. Sie werfen ihm Rassismus und Fantasterei vor, allein der Name Däniken taucht auf der Diskussionsseite 15-mal auf. Und das obwohl Giffhorn in seinen Veröffent-lichungen immer wieder deutlich gegen rassistische Theorien oder Dänikens Methoden Stellung bezieht.

Zudem sprechen die Gegner Giffhorn mehrfach die wissenschaftliche Arbeitsweise oder gleich die gesamte Qualifikation ab. Als promovierter Wissenschaftler mit jahrzehntelan-ger Universitätserfahrung in Lehre und Forschung habe er trotz 18 Jahren Auseinander-setzung mit den Chachapoya keine Kompetenz, sich zum Thema zu äußern, so der Tenor der Giffhorn-Kritiker.“

Quelle: https://www.heise.de/tp/features/War-die-Neue-Welt-gar-nicht-so-neu-3463389.html?seite=4

 

Nirgendwo wurden die Theorie und ich mit dermaßen irrationalen und absurden Attacken überschüttet wie durch Wikipedia-Autoren.

Das hörte nach 2016 nicht auf. Im Dezember 2020 machten sich Wikipedianer sogar über den Artikel „Hans Giffhorn“ her - (https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Giffhorn).

Es gibt eine weltweit verbindliche Richtlinie: Wikipedia-Autoren haben mit besonderer Sorgfalt „sicherzustellen, dass Artikel über lebende Personen neutral geschrieben, inhalt-lich zutreffend und mit verlässlichen Quellen belegt sind“ – Quelle: https://foundation.wikimedia.org/wiki/Resolution:Biographies_of_living_people.

Aber auf der Diskussionsseite zum Artikel „Hans Giffhorn“ finden Sie Belege, dass diese Richtlinie von den Autoren ständig verletzt wurde.

Ich konnte ihnen auch nachweisen, dass sie meine Theorie allenfalls vom Hörensagen kennen und offenbar von meiner Argumentation keine Ahnung haben.

Aber all das beeindruckte sie nicht.

Ich bin zwar „Betroffener“, aber kein Wikipedianer. Das bedeutet, ich habe keinerlei Möglichkeit, am Artikel irgendetwas an den seltsamen Einträgen zu ändern (den Wikipedia-Autoren nicht genehme Einträge werden von ihnen in ihrer Funktion als „Sichter“ sofort und mit meist unsinnigen Begründungen gelöscht).

 

Nun gut, es gibt Wichtigeres.

Doch wie immer bin ich neugierig. Mich interessiert, was diese Leute dazu treibt, soviel Aufwand zu betreiben, um Leser davon abzuhalten, sich ein eigenes Urteil über meine Arbeit zu bilden.

Bisher kann ich nur raten.

Es gibt ein paar vage Anhaltspunkte. Manche der Akteure gaben zu erkennen, dass sie in Verbindung mit Archäologen stehen.  Manche ihrer Beiträge erinnern mich auch an die sogenannten „Skeptiker“, eine internationale Gruppierung mit vielen z.T. untereinander zerstrittenen Fraktionen. Darunter gibt es eine, die frappierend der spanischen Inquisition de 17. Jahrhunderts gleicht: Die Inquisitoren setzten alle Mittel ein, um jeden, der an der Unfehlbarkeit der vom Papst verkündeten Dogmen zweifelt, mundtot zu machen.

Der Ausdruck "Fachpapst" macht in diesem Zusammenhang Sinn.

Aber vielleicht gibt es noch ganz andere Gründe.

Wenn Sie, lieber Leser, dazu Ideen haben, würde ich mich freuen, wenn Sie mir das mittei-len - einfach über das Kontaktformular vorm Impressum auf dieser Website.

Danke im Voraus

Hans Giffhorn

 

10. Veröffentlichungen, Rezensionen und Pressestimmen zu unserer Chachapoya-Forschung

Veröffentlichungen von Hans Giffhorn zur Chachapoya-Forschung (Auswahl)

"Wurde Amerika in der Antike entdeckt? Karthager, Kelten und das Rätsel der

Chachapoya.“ C.H.Beck, München 2013

„Wurde Amerika in der Antike entdeckt? Karthager, Kelten und das Rätsel der

Chachapoya.“ C.H.Beck, 2. Überarbeitete Auflage, München 2014

„Chachapoya: Wurde Amerika in der Antike entdeckt? Eine Beweisführung.“ In

AmerIndian Research 1/2014  http://www.amerindianresearch.de/amerindianresearch-2014-1.htm

“Chachapoya: Was America discovered in ancient times?” Co-Autor Al Bell,

PDF-Datei 2015  https://www.academia.edu/21558766/

„Die Rätsel der Chachapoya: Keltische Auswanderer im antiken Peru“

TV-Doku, 3 Teile, SPIEGEL-Geschichte, Hamburg 2015.

„Keltische Krieger im antiken Peru“,  DVD, Video- und Text-Dokumentation 2016

https://www.amazon.de/Hans-Giffhorn-Keltische-Krieger-Chachapoya/dp/B015OOSVES?language=de_DE

„Kelten im antiken Peru? Neue Belege für eine frühe Atlantiküberquerung und für

eurozentrische Ideologien und Dogmatismus im archäologischen Wissenschaftsbetrieb – am Beispiel der aktuellen Forschung zu den Chachapoya“, PDF-Datei, 2019/1  https://www.academia.edu/40402185/

“Celtic Immigrants in Ancient Peru? The merits of Professor Warren Church for the

understanding of Chachapoya culture, Eurocentric ideologies and dogmatism at universities and new evidence for a pre-Columbian immigration to South America” PDF-Datei 2019/2 https://www.academia.edu/39508768/

 

Rezensionen und Pressestimmen

Amazon

https://www.chbeck.de/giffhorn-wurde-amerika-antike-entdeckt/product/11256786

 

11. Filmprojekt „Los Chachapoyas: europäische Einwanderer im antiken Peru? Eine Detektivgeschichte und die Dokumentation der Ermittlungen“

Visuelle Medien aller Art faszinierten mich schon als Kind. Ein großer Teil meines Studiums fand an Kunstakademien statt, und als Hochschullehrer war Dokumentarfilm in Theorie und Praxis stets einer meiner Schwerpunkte. Der erste von mir produzierte professionelle Dokumentarfilm wurde 1993 von Arte/ZDF gesendet. Es folgte eine lange Reihe weiterer TV-Produktionen.

Natürlich war auch bei meinen vielen Reisen nach Südamerika immer eine Kamera dabei – auch 1998, als ich das erste Mal den Chachapoya begegnete. Dort filmte ich nicht nur Kolibris, sondern alles, was interessant und/oder optisch attraktiv war. Hierzu gehörten in erster Linie alle wichtigen Stationen der Recherchen. Die letzten Drehs dazu fanden An-fang 2020 statt.

So entstanden im Lauf der Jahre Unmengen von Filmmaterial.

 

Im Frühjahr 2020 wollte ich eigentlich wieder nach Brasilien und Peru reisen. Doch dann kam Corona dazwischen, und auf einmal hatte ich viel Zeit. So konnte ich endlich ein Pro-jekt in Angriff nehmen, das ich all die Jahre vor mich hergeschoben hatte: Ich wollte he-rausfinden, ob mein Filmmaterial zu den Chachapoya ausreicht, um damit einen Film zu produzieren, der nicht nur sendefähig ist, sondern auch unsere vielen aktuellen For-schungsergebnisse vorstellt – und zwar ohne dass dafür ein Kamera-Team noch einmal nach Südamerika geschickt werden muss.

 

Der Arbeitstitel des Projekts beschreibt exakt den Inhalt des Films:

„Los Chachapoyas: europäische Einwanderer im antiken Peru?

Eine Detektivgeschichte und die Dokumentation der Ermittlungen“

 

Seit kurzem ist der Film fertig: insgesamt ca. 3 Stunden.

Es zeigte sich, dass er trotz seiner Länge nicht langweilig wird. Im Gegenteil:  Bei unseren sich über zwanzig Jahre hinziehenden Recherchen stießen wir auf so viele interessante, oft auch schockierende oder amüsante Details, dass dadurch die ganze Sache weit le-bendiger, abwechslungsreicher, konkreter und anschaulicher wurde als die bereits im Zusammenhang mit dem Abschnitt „Chachapoya-Forschung“ gezeigten „Kostproben“.  Das machte auch die Beweisführung leichter nachvollziehbar, überzeugender und span-nender.

Das Ergebnis unterscheidet sich von “normalen“ Dokus, die man schnell wieder vergisst.

Der Film dokumentiert eine Beweisführung, die anhand einer lückenlosen Kette zwingen-der Indizien und der Berücksichtigung aller wesentlichen Gegenargumente zu einem Er-gebnis führt, das auch der gründlichen Überprüfung durch misstrauische Experten stand-hält.

Weitere detaillierte Belege und Quellenangaben finden sich u.a. in meinen Veröffentli-chungen auf Academia.edu von 2019, vor allem aber in der 2014 erschienenen überar-beiteten 2. Auflage von „Wurde Amerika in der Antike entdeckt?“, C.H.Beck-Verlag München.

Die Indizien lassen keine andere Erklärung zu, als dass die Hypothese der Realität entspricht.

Das wiederum bedeutet, dass die von der internationalen Fachwelt vertretenen Doktrinen falsch sind und dass die Entdeckungsgeschichte Amerikas umgeschrieben werden muss.

 

So ist der Film gegliedert:

Der Beginn einer Detektivgeschichte

Die Hypothese wird präzisiert

Motiv und Gelegenheit: die Suche nach möglichen Einwanderern

Szenario einer präkolumbischen Reise vom Atlantik in die Anden Perus

Teil 1  Spurensuche in Brasilien                                                                                                             

Teil 2  Erreichten die Verdächtigen das Chachapoya-Gebiet? Neue Gegenargumente

Die Verdächtigen werden überführt

Kuelap: das letzte Geheimnis der Chachapoya-Kultur

Warum forscht die archäologische Fachwelt nicht zu Alte-Welt-Wurzeln der Chachapoya-Kultur?

Das Ende der Chachapoya-Kultur, das Rätsel der Gringuitos und die Macht eines Dogmas

 

Der Aufbau des Films orientiert sich z.T. am zeitlichen Ablauf der Recherchen, vor Allem aber an der Logik der Beweisführung. Bei diesem Projekt spielen Expertenstatements vor Ort und das Aussehen von archäologischen Zeugnissen eine wesentliche Rolle. Es zeigte sich, dass mit der Kombination Film/Text die Beweisführung überzeugender und über-prüfbarer transportiert wird, als das mit einem Buch möglich wäre.

Ich sehe das Produkt als Basis für eine authentische, inhaltlich überzeugende und auch optisch attraktive Dokumentation der Beweisführung (vgl. Arbeitstitel). Sie stützt sich auf für jeden Zuschauer nachprüfbare Fakten und auf gesicherte Informationen von einer Vielzahl von Experten.

Technisch wäre auch für eine fremdsprachige Version alles vorbereitet.

 

Die einzelnen Kapitel sind im Filehosting-Dienst „Dropbox“ in Originalqualität gespeichert. Per Link lassen sie sich komfortabel betrachten und herunterladen. Falls Sie interessiert sind, setzen Sie sich bitte über mein Kontakt-Formular mit mir in Verbindung.

 

Da vermutlich kaum jemand 3 Stunden investiert, um einen Filmentwurf zu beurteilen, habe ich eine 36-Minuten-Version hergestellt: der effektivste Weg, um sich einen realis-tischen Eindruck von der Argumentation und dem Potential des Materials zu verschaffen (Arbeitstitel „Warriors from Spain in the Andes of Peru – over 2000 years ago“)

 

Über diesen Link lässt sich der Film ansehen und herunterladen (ca. 13,7 GB, natürlich gratis)

https://www.dropbox.com/s/cvftntgq99so5le/Spanish_Warriors_ganz_1..mpg?dl=0

 

Die Dokumentation könnte für viele Menschen auch außerhalb Deutschlands interessant sein. Deshalb bereite ich zurzeit Versionen der 36-Minuten-Fassung mit englischen bzw. spanischen Untertiteln vor.

Um eine Veröffentlichungsmöglichkeit habe ich mich noch nicht bemüht – nicht zuletzt, weil ich keinen geeigneten Ansprechpartner kenne.

 

Als zusätzliche Möglichkeit, sich Eindrücke vom Material zu verschaffen, hatte ich schon früher „Kostproben“ produziert und einzelnen Kapiteln des Abschnitts Chachapoya-Forschung zugeordnet. In den „Kostproben“ fehlen jedoch einige für das Verständnis der Argumentation wesentliche Elemente.

Hier kann man die „Kostproben“ noch einmal im Zusammenhang ansehen.

Der erste Teil, „Erster Eindruck__1“, stellt die „Rätsel der Chachapoya“ vor und berichtet von der Ratlosigkeit der örtlichen Experten sowie der Entstehung einer ersten Hypothese. Dann wird gefragt, warum die Fachwelt nie zu solchen Hypothesen geforscht hat. Die Ursache könnte ein „Dogma“ sein, das sich vielleicht aus der Wissenschaftsgeschichte erklären lässt.

Siehe dazu auch die Kapitel 3 und 8 auf dieser Website.

 1

Die zum Schluss von „Erster Eindruck__1“ vorgestellte mögliche Erklärung für die Entste-hung eines „Dogmas“, das ergebnisoffene Forschung von Archäologen blockiert, habe nicht ich herausgefunden. Das gelang der Archäologin Dr. Karin Hornig mit ihrem unver-gleichlichen Wissen über historische und aktuelle archäologische Fachliteratur.

„Erster Eindruck__2“ berichtet zunächst von einer für die weiteren Ermittlungen unver-zichtbaren Eingrenzung der Hypothese: Die angenommene Einwanderung aus der Alten Welt würde nur dann die „Rätsel der Chachapoya“ klären können, wenn sie nicht viel frü-her als vor 2000 Jahren und nicht später als 10 n.Chr. stattgefunden hätte.

Dann geht es um die Suche nach möglichen Einwanderern: Im fraglichen Zeitraum besa-ßen die Galicier sowohl ein hinreichend starkes Motiv für eine Auswanderung über den Atlantik als auch eine realistische Möglichkeit, die Küste Nordostbrasiliens zu erreichen.

Siehe dazu auch Kapitel 4 auf dieser Website.

 2

„Erster Eindruck__3“ entwickelt ein plausibles Szenario für eine Reise der angenomme-nen Einwanderer von der Küste Nordostbrasiliens über die Amazonasmündung bis in das nordostperuanische Quellgebiet des Amazonas, das Chachapoya-Gebiet.

Siehe dazu auch Kapitel 5 auf dieser Website.

3

„Erster Eindruck__4“ zeigt eine eindeutige Spur von möglichen Teilnehmern der Auswan-derung (in diesem Fall Menschen aus Mallorca): eine spezielle Form der Schädelbohrung (Trepanation).

Siehe dazu und auch zu den nächsten beiden Filmen Kapitel 6 auf dieser Website.

4

In „Erster Eindruck__5“ wird eine weitere klare Entsprechung zu Traditionen aus Mallorca vorgestellt, die Steinschleuder. Danach sieht man Entsprechungen, die auf galicische Kelten verweisen: Trophäenkopfkult.

5

Der Teil „Erster Eindruck__6“ fragt nach Kuelap und der Bautradition der Chachapoya. Deren Wurzeln sind besonders geheimnisvoll.

6

Der letzte Filmausschnitt, „Erster Eindruck__7“, befasst sich mit dem Rätsel der „Gringui-

tos“ und u.a. auch mit den Forschungen von Prof. Manfred Kayser in Rotterdam.

7

Warum und auf welche Weise peruanische Behörden und Archäologen verhindert haben, dass das von Prof. Kayser geplante Projekt stattfindet, habe ich in den Kapiteln 7 und 8 dieser Website bereits detailliert dargestellt und mit Belegen dokumentiert.

 

 

12. Ein weiteres Hobby: schöne und seltene Kolibris

 

Mein Leben besteht nicht nur aus der Chachapoya-Forschung. Auch Geld oder öffentli-che Aufmerksamkeit sind für mich eher langweilige Themen.

Wichtiger war es mir, dass ich in weiten Teilen meines Berufslebens (auch mit viel Glück) Freiräume erlangte, relativ unabhängig war und das erforschen und veröffentlichen konnte, was ich für wichtig hielt.

Echte, unvergessliche Glückssituationen verschafften mir jedoch andere Erlebnisse, z.B., als nach einem langen Winter mein Motorrasenmäher wieder ansprang, oder als ich vor 55 Jahren meine erste Verlobung löste – was für ein Gefühl der Freiheit! Auch die Geburt meiner Tochter war solch ein Glückserlebnis. Sie war ein liebes, aber wildes Kind, und ich bin inzwischen recht stolz auf sie. Sie überredete mich, diese Website zu gestalten, ist ein Computergenie und in vieler Beziehung schlauer als ich, half mir mit der Webseiten-Tech-nik und ist nebenbei in Berlin mit ihrer Karriere als Sängerin beschäftigt (Künstlername Ava Vegas).

Auch die Chachapoya-Forschung machte mich manchmal glücklich – vor allem, weil ich Reisen nach Peru und Brasilien mit meinem anderen Hobby verbinden konnte: in der Wild-nis Südamerikas schöne und seltene Kolibris aufspüren und filmen.

Im nächsten Filmabschnitt springe ich zurück in das Jahr 1998.

Damals fand das vielleicht stärkste Glückserlebnis in meinem Leben statt.

Einige Stunden vorher: Wir, mein Kumpel und Kameramann Jochen Philipp, zwei einheimische Begleiter und ich hatten Großes vor.

Am Abend vorher waren wir acht Stunden zusammen mit unserem einheimischen Führer einen steilen Berg hochgestiegen – kein Vergnügen für mich als Flachland-Niedersach-sen. Kurz vor Sonnenuntergang hatten wir eine verlassene Bauernhütte erreicht. Am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang – Jochen und die Einheimischen schliefen noch – hatte ich meinen Strohsack verlassen, in der Hand Stativ und meine kleine Kamera.

 

Und dann entstand die erste Filmaufnahme, die jemals von diesem Vogel gemacht wurde (bei den peruanischen Archäologen galt er zu der Zeit noch als ausgestorben). Anfang 2000 sendete das BR-Fernsehen die Aufnahme und die Geschichte: „Traumvogel - auf der Suche nach dem schönsten Kolibri der Welt.“ Loddigesia mirabilis, die „Wundersyl-phe“, ist endemisch. Sie gibt es nur in einer winzigen Region mitten im Chachapoya-Ge-biet in Nordostperu.

Aber auch andere Kolibris machen mir Freude. Viele davon kennt man kaum aus dem Fernsehen.

Im Folgenden zeige ich einige mehr oder weniger provisorische Filmskizzen (später, wenn ich wieder mehr Zeit habe, werde ich Besseres vorstellen).

Leider sind gerade die Lebensräume der schönsten und seltensten Kolibris in Gefahr – das darf man dabei nicht verschweigen.

Der zuletzt gezeigte Kolibri, der Königskolibri, ist etwas Besonderes. Obwohl er für Kenner der vielleicht prächtigste aller Kolibris ist, wurde er, soweit ich weiß, noch nie im Fernsehen gezeigt.

Er lebt weit ab von allen menschlichen Siedlungen tief im Amazonasurwald. Wenn man den scheuen Vogel überhaupt zu Gesicht bekommt, dann als winzige schwarze Silhouette hoch oben in den Wipfeln der Baumriesen.

Manchmal allerdings besucht eine Gruppe von Männchen bei Sonnenaufgang für eine Viertelstunde einen versteckten Bachlauf, um Insekten zu jagen und sich einem Weibchen zu präsentieren: ein Glücksfall für Filmer!

 

Seltene Kolibris filmen ist ein spannendes und schönes Hobby – aber ich bin Wissen-schaftler. Wie funktionieren das Schillern und das Aufblitzen? Wo, wann und wie hat es sich entwickelt? Welche Funktion haben diese Signale?

Das ist das Thema des anderen großen Filmprojekts, mit dem ich mir die Zeit vertreibe.

Das nächste Kapitel zeigt Kostproben.

 

13. Filmprojekt „Schillernde Pracht: die fantastische Sprache der Kolibris“

Kolibris halten viele Weltrekorde: Unter ihnen gibt es die kleinsten Vögel, den schnellsten Flügelschlag, den längsten Schnabel im Verhältnis zum Körper, den größten Kontrast im Stoffwechsel innerhalb von 24 Stunden („Torpor“, d.h. Starre in den eisigen Nächten der Hochanden und rasender Herzschlag am Tag) usw.

Doch ein weiterer Weltrekord ist kaum bekannt: ihre ungeheure Vielfalt, die sich auf dem gesamten amerikanischen Kontinent zwischen Alaska und Feuerland zeigt. Sie sind nach den Singvögeln die artenreichste Vogelfamilie, haben die größte Vielzahl an unterschied-lichen Lebensräumen zwischen ewigem Eis an Andengipfeln, Wüsten und schwülwarmen Regenwald am Amazonas erobert und dabei – und jetzt kommt es – auch die mit weitem Abstand weltweit größte Vielfalt an optischen Signalen entwickelt: ihre „fantastische Sprache“.

Das filmisch zu dokumentieren stellt eine Herausforderung dar, die nur von zig- Regisseuren, Kameraleuten und Experten zu bewältigen wäre, oder von jemandem, der sich seit seiner Kindheit mit Kolibris befasst und sie seit vielen Jahrzehnten aufspürt und filmt.

 

Im Folgenden zeige ich nur einige Entwürfe von Ausschnitten des Filmprojekts, das mich bisher nach Brasilien, Peru, Bolivien, Ecuador, Kolumbien, Venezuela, Costarica, auf viele Karibikinseln, in die Guayanas und die USA führte. Wenn das Chachapoya-Thema erle-digt ist, werde ich an dem Kolibriprojekt weiterarbeiten und so bald wie möglich wieder losreisen, um weitere, zuvor noch nie gesehene Aufnahmen zu erwischen.

Der erste Ausschnitt stellt ein typisches Merkmal der Kolibri-Signale vor.

Dieses „Aufblitzen“ ist eine Waffe im Kampf um Blütenreviere. Kolibris, den Einsatz dieser Waffe besonders gut beherrschen, haben einen Überlebensvorteil gegenüber Konkur-renten.

„Natürliche Selektion“ nennt man diesen Motor der Evolution.

Doch besonders bei Kolibris spielt noch ein anderer Evolutionsmechanismus eine Rolle: die „Sexuelle Selektion“.

Die Dokumentation sexueller Selektion von Kolibris in freier Natur war eine besonders in-teressante Herausforderung.

Die Entstehung neuer Lebensräume in Amerika ging auch oft einher mit der Entstehung neuer Kolibri-Arten mit neuen Signalen.

So wurde die Sprache der Kolibris im Lauf der Jahrmillionen und Jahrtausende immer reicher.

Ein Beispiel ist die Insel Jamaika. Dort entstanden zwei endemische Arten: der Jamaika-Mango und die Jamaika-Sylphe. Die Balz der Sylphe ist bestimmt von der sexuellen Selek-tion, und dabei setzt das Männchen eine Reihe unterschiedlicher Signale ein.

Das am Computer zu gestalten, machte mir viel Spaß.

Jamaika liegt nördlich vom Amazonasbecken, dem Reich der prachtvollen Königskolibris. Weit westlich davon befindet sich der wohl faszinierendste Lebensraum Amerikas: der kaum bekannte und höchst bedrohte Nebelwald am Westabhang der Anden direkt am Äquator – mit der weltweit höchsten Zahl und Dichte an neu entstandenen endemischen Arten. Im zweiten Filmbeispiel des vorangegangenen Kapitels habe ich einige von ihnen bereits vorgestellt.

Im letzten Filmabschnitt portraitiere ich die ungewöhnliche und besonders komplizierte Balz der winzigen Flaggensylphe.